Wieviel Grad vertragen Pferde? Die thermoneutrale Zone und ihre Grenzen

Updated Juli 2026
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Pferd steht auf einer Koppel bei unterschiedlichen Wetterbedingungen

Minus 15 bis plus 25 – die Komfortzone auf dem Prüfstand

Wenn Pferdebesitzer mich fragen, wie viel Grad ihr Pferd aushält, nenne ich eine Zahl, die fast immer Erstaunen auslöst: minus 15 Grad Celsius. Das ist die untere Grenze der thermoneutralen Zone – jenes Temperaturbereichs, in dem ein gesundes Pferd seine Körperkerntemperatur ohne zusätzlichen Energieaufwand aufrechterhalten kann. Die obere Grenze liegt bei plus 25 Grad. Zwischen diesen beiden Werten arbeitet der Stoffwechsel im Normalmodus, und das Pferd muss weder aktiv heizen noch aktiv kühlen.

Diese Zahlen stammen aus biometeorologischen Studien und beschreiben ein gesundes, erwachsenes Pferd mit normalem Körperfettanteil und intaktem Winterfell. Was sie nicht beschreiben: Ihr konkretes Pferd in seiner konkreten Haltungssituation. Denn die thermoneutrale Zone ist keine fixe Größe – sie ist ein Rahmen, der sich je nach Individuum um 10 bis 15 Grad verschieben kann. Und genau diese Verschiebung macht den Unterschied zwischen einem Pferd, das bei null Grad entspannt grast, und einem, das bei plus 5 Grad zittert.

Was die thermoneutrale Zone genau bedeutet

Ich arbeite seit neun Jahren mit dem Konzept der thermoneutralen Zone, und ich stelle immer wieder fest, dass selbst erfahrene Pferdebesitzer es falsch verstehen. Lassen Sie mich die häufigsten Missverständnisse ausräumen.

Missverständnis eins: „Minus 15 Grad bedeutet, dass ein Pferd bei minus 15 Grad nicht friert.“ Das ist richtig, aber unvollständig. Es bedeutet, dass der Grundstoffwechsel bei minus 15 Grad noch ausreicht, um die Körperkerntemperatur von 37,5 bis 38,5 Grad aufrechtzuerhalten – ohne dass das Pferd zusätzlich Muskeln aktivieren oder mehr fressen muss. Unterhalb von minus 15 Grad muss der Körper aktiv heizen: Muskelzittern setzt ein, der Energieverbrauch steigt, und das Pferd braucht mehr Futter, um den Mehrbedarf zu decken. Im Winter fließen 75 Prozent der metabolischen Energie in die Wärmeproduktion – das ist der Normalzustand, kein Alarmzeichen.

Missverständnis zwei: „Plus 25 Grad ist die obere Grenze, darüber wird es gefährlich.“ Nicht sofort gefährlich, aber belastend. Oberhalb von 25 Grad muss das Pferd aktiv kühlen – durch Schwitzen, erhöhte Atemfrequenz und Vasodilatation, also die Erweiterung der Blutgefäße in der Haut. Solange diese Mechanismen funktionieren, kann ein Pferd auch bei 30 oder 35 Grad überleben – aber der Energieaufwand steigt, die Leistungsfähigkeit sinkt, und ab einem bestimmten Punkt kann die Wärmeabgabe nicht mehr mit der Wärmeproduktion mithalten. Das Risiko für Überhitzung ist bei Pferden drei- bis zehnmal höher als beim Menschen, weil die Körperoberfläche im Verhältnis zum Volumen deutlich kleiner ist.

Missverständnis drei: „Die Zahlen gelten für alle Pferde gleich.“ Genau das tun sie nicht. Die thermoneutrale Zone wurde unter Laborbedingungen an gesunden, erwachsenen Pferden mit vollem Winterfell und normaler Körperkondition gemessen. Ein geschorenes Pferd hat eine nach oben verschobene untere Grenze – es friert bereits bei plus 5 Grad. Ein übergewichtiges Pferd hat eine nach unten verschobene obere Grenze – es überhitzt schneller. Ein Fohlen hat eine engere Zone als ein Erwachsener, ein altes Pferd eine engere als ein junges.

Rasse, Alter, Haltung – warum die Grenzen individuell verschieden sind

Letzten Februar stand ich auf einem Hof mit drei Pferden nebeneinander: ein Isländer, ein Araber und ein Holsteiner. Minus 8 Grad, leichter Wind. Der Isländer döste entspannt mit geschlossenen Augen. Der Holsteiner stand ruhig, das Fell leicht aufgestellt. Der Araber zitterte. Drei Pferde, dieselbe Temperatur, drei völlig unterschiedliche Reaktionen – und alle drei waren normal für ihre Rasse.

Nordische Rassen wie Isländer, Fjordpferde und Norwegische Fjordpferde sind evolutionär auf Kälte optimiert. Ihr Winterfell ist dichter, die Unterhaut fettreicher, der Stoffwechsel auf Wärmeproduktion kalibriert. Die untere Grenze ihrer thermoneutralen Zone liegt deutlich unter minus 15 Grad – ein gesunder Isländer kann Temperaturen von minus 30 Grad ohne Probleme überstehen. Der Preis dafür: Hitzetoleranz. Dieselben Pferde leiden ab 20 Grad unter Wärmebelastung und entwickeln bei 30 Grad echten Hitzestress.

Wüstenadaptierte Rassen wie Araber und Berber zeigen das umgekehrte Muster. Dünneres Fell, effizienteres Schwitzen, höhere Hitzetoleranz – aber eine deutlich nach oben verschobene untere Grenze. Ein Araber in einem norddeutschen Winter ohne Decke ist nicht „abgehärtet“, sondern kalt. Barbara Schulte, Autorin und Pferdeexpertin, formuliert es treffend: Große Kälte können Pferde besser aushalten als große Hitze – aber das gilt eben primär für jene Rassen, die auf Kälte selektiert wurden. Deutsche Warmblüter liegen in der Mitte: Sie kommen mit dem mitteleuropäischen Klima gut zurecht, haben aber weder die extreme Kälteresistenz der Nordpferde noch die Hitzetoleranz der Wüstenrassen. In den zunehmend heißen Sommern Deutschlands werden auch Warmblüter vermehrt an ihre Grenzen gebracht – ein Trend, der sich mit dem Klimawandel verschärfen wird.

Das Alter verschiebt die Grenzen in beide Richtungen. Fohlen haben eine engere thermoneutrale Zone – ihre untere Grenze liegt bei etwa plus 5 Grad, weil sie noch kein dichtes Fell und wenig Körperfett haben. Die ideale Stalltemperatur für Fohlen liegt bei 15 bis 20 Grad. Alte Pferde verlieren ebenfalls an Thermoregulationskapazität: reduziertes Winterfell, geringere Muskelmasse, verlangsamter Stoffwechsel. Ein 25-jähriger Wallach mit Cushing-Syndrom hat eine thermoneutrale Zone, die sich mit der eines Fohlens vergleichen lässt – nur dass er zusätzlich mit Kreislaufschwäche und Arthrose zu kämpfen hat.

Die Haltungsform beeinflusst die praktische Relevanz der thermoneutralen Zone entscheidend. Wind und Nässe verschieben die gefühlte Temperatur um bis zu 15 Grad nach unten. Ein Pferd bei minus 5 Grad im trockenen Unterstand befindet sich noch komfortabel in seiner Zone. Dasselbe Pferd bei minus 5 Grad im Dauerregen bei Windstärke 5 erlebt effektiv minus 15 bis minus 20 Grad – und das ist jenseits der Komfortzone, auch für robuste Rassen. Die Temperaturangabe allein ist deshalb immer nur die halbe Wahrheit. Wer die Wohlfühltemperatur seines Pferdes einschätzen will, muss Wind, Feuchtigkeit und Sonneneinstrahlung mitdenken – drei Faktoren, die die nackte Gradzahl zur Nebensache machen können.

Einen umfassenden Überblick über alle Faktoren, die das Wohlbefinden Ihres Pferdes bei extremen Temperaturen beeinflussen, finden Sie im Überblicksartikel zu Wetter und Pferd.

Warum vertragen manche Pferde Kälte besser als andere?

Die Kältetoleranz hängt primär von der Rasse ab: Nordische Rassen wie Isländer und Fjordpferde haben ein dichteres Winterfell, mehr Unterhautfett und einen auf Wärmeproduktion kalibrierten Stoffwechsel. Zusätzlich spielen Alter, Gesundheitszustand, Körperkondition und Haltungsform eine Rolle. Ein geschorenes Pferd friert bei plus 5 Grad, während ein ungeschorener Isländer bei minus 20 Grad entspannt steht.

Ändert sich die Temperaturtoleranz mit dem Alter?

Ja. Fohlen haben eine engere thermoneutrale Zone mit einer unteren Grenze von etwa plus 5 Grad. Erwachsene Pferde erreichen die volle Bandbreite von minus 15 bis plus 25 Grad. Im Alter verengt sich die Zone wieder – durch reduziertes Winterfell, geringere Muskelmasse und verlangsamten Stoffwechsel können alte Pferde bereits bei Temperaturen frieren, die jüngere Tiere problemlos tolerieren.

Geschrieben von der Redaktion „Wetter Pferd”.