Welche Pferderassen vertragen Hitze oder Kälte besser? Ein Vergleich

Isländer, Araber, Warmblut – wie die Herkunft die Wetterfestigkeit prägt
An einem Augusttag in Schleswig-Holstein habe ich drei Pferde auf derselben Koppel beobachtet: Ein Isländer lag flach im Schatten und atmete heftig, ein Oldenburger stand ruhig an der Tränke, und ein Araber graste entspannt in der Sonne. Temperatur: 33 Grad. Das war für mich der Moment, in dem die Theorie der genetischen Klimaanpassung zur sichtbaren Realität wurde. Die Herkunft einer Rasse bestimmt ihre Wetterfestigkeit stärker als jede Haltungsmaßnahme – und wer das ignoriert, riskiert die Gesundheit seines Pferdes.
Barbara Schulte, Autorin und Pferdeexpertin, bringt die Grundregel auf den Punkt: Große Kälte können Pferde besser aushalten als große Hitze. Das stimmt – aber nur als Gattungsaussage. Innerhalb der Gattung gibt es eine enorme Bandbreite. Quarter Horses zum Beispiel sind laut einer großangelegten Studie mit über 3000 Fällen 32 Prozent seltener von Koliken betroffen als Vollblüter und Araber – ein Hinweis darauf, dass Robustheit und Anpassungsfähigkeit auch innerhalb der nicht-extremen Rassen deutlich variieren.
Nordpferde und Robustpferde – gebaut für Kälte, anfällig bei Hitze
Isländer, Fjordpferde, Haflinger, Norweger – diese Rassen stammen aus Regionen, in denen der Winter die dominante Herausforderung war. Die Selektion über Jahrhunderte hat sie mit Merkmalen ausgestattet, die bei Kälte Vorteile bieten: dichtes, doppellagiges Winterfell mit einer Unterwolle, die Luft einschließt und damit isoliert. Kurze, kompakte Körper mit einem günstigen Verhältnis von Volumen zu Oberfläche – weniger Fläche für Wärmeverlust. Dickere Unterhaut mit höherem Fettanteil. Ein Stoffwechsel, der auf effiziente Wärmeproduktion aus Raufutter ausgelegt ist.
Die thermoneutrale Zone eines gesunden, erwachsenen Pferdes liegt bei minus 15 bis plus 25 Grad – aber bei Nordpferden reicht die untere Grenze deutlich weiter nach unten. Ein Isländer mit vollem Winterfell übersteht Temperaturen von minus 30 Grad ohne erkennbare Stressreaktion. Seine Piloerektion – das Aufstellen der Haare – erzeugt eine Isolationsschicht, die der Wirkung einer 200-Gramm-Winterdecke gleichkommt.
Der Preis für diese Kälteanpassung ist eine reduzierte Hitzetoleranz. Das dichte Fell, das im Winter schützt, wird im Sommer zur Falle. Der kompakte Körperbau, der Wärmeverlust minimiert, erschwert die Wärmeabgabe bei hohen Temperaturen. Und das Schwitzverhalten ist anders kalibriert: Nordpferde beginnen später zu schwitzen und schwitzen weniger effizient als Rassen aus warmen Klimazonen. In einem deutschen Sommer mit 32 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit sind Isländer und Fjordpferde die ersten, die Anzeichen von Hitzestress zeigen – deutlich vor Warmblütern und Vollblütern.
Was bedeutet das für die Praxis? Wenn Sie ein Nordpferd in Mitteleuropa halten, brauchen Sie ein Hitzemanagement, das über das Standardprogramm hinausgeht: früher Koppelgang, konsequenter Schatten, angepasste Trainingszeiten im Sommer, und ein kritischer Blick auf das Winterfell, das im Frühling rechtzeitig abgebaut werden muss. Scheren ist eine Option, verändert aber die gesamte Thermoregulation – ein Kompromiss, keine perfekte Lösung.
Ich habe in einem Stall mit sechs Isländern ein Sommerprotokoll eingeführt, das seitdem ohne einen einzigen Hitzefall funktioniert: Koppelgang ausschließlich zwischen 5 und 10 Uhr morgens und ab 20 Uhr abends. Tagsüber Zugang zu einem schattigen Paddock mit Ventilator und Selbsttränke. Training nur in den Morgenstunden, bei Temperaturen über 28 Grad kein Reiten. Diese Maßnahmen klingen restriktiv, aber sie berücksichtigen die biologische Realität einer Rasse, die für skandinavische Sommer mit 15 Grad selektiert wurde, nicht für 35 Grad in Norddeutschland.
Araber und Berber – Hitzetoleranz mit Grenzen
Am anderen Ende des Spektrums stehen die Wüstenrassen. Der Araber ist das Paradebeispiel einer auf Hitze optimierten Rasse: dünnes, feines Fell mit wenig Unterwolle. Schlanker, langgliedriger Körperbau mit großer Oberfläche relativ zum Volumen – ideal für Wärmeabstrahlung. Effizientes Schwitzverhalten mit hohem Wassergehalt im Schweiß. Und eine genetische Ausstattung, die den Kreislauf auch bei hohen Temperaturen stabil hält.
Genetische Forschung hat einen konkreten Mechanismus identifiziert: Marker rund um das Gen KCNE4 sind signifikant mit chronischer Anhidrose – dem Verlust der Schweißfähigkeit – assoziiert. Diese Entdeckung zeigt, wie tief die genetische Verankerung der Hitzeregulation reicht. Interessanterweise tritt Anhidrose häufiger bei Rassen auf, die nicht aus heißen Klimazonen stammen und in tropische Regionen verbracht werden – ein weiterer Beleg dafür, dass die genetische Grundausstattung die Anpassungsfähigkeit begrenzt.
Araber in Deutschland kommen mit den Sommern gut zurecht, aber der Winter ist ihre Schwachstelle. Ihr dünnes Fell bietet bei Dauerregen und Frost nur minimalen Schutz, und der schlanke Körperbau speichert wenig Wärme. Ein Araber braucht im norddeutschen Winter eine Decke früher und häufiger als ein Warmblut – und deutlich früher als ein Isländer, der bei denselben Temperaturen ohne jede Hilfe auskommt. Bei Arabern empfehle ich, die Deckenentscheidung nicht an der Temperatur festzumachen, sondern am Gesamtbild: Steht das Pferd entspannt, ist das Fell glatt? Kein Handlungsbedarf. Stellt es das Fell auf, zieht den Rücken ein, bewegt sich ungern? Dann ist eine Decke angemessen, auch wenn das Thermometer erst plus 5 Grad zeigt.
Eine Beobachtung aus meiner Praxis verdient besondere Erwähnung: Berber, die eng mit Arabern verwandt sind, zeigen in der Regel eine etwas bessere Kältetoleranz. Ihr Fell ist minimal dichter, der Körperbau etwas substanzieller. In einem gemischten Stall mit Arabern und Berbern sind es meist die Araber, die zuerst eingedeckt werden müssen – ein feiner, aber konsistenter Unterschied.
Warmblüter – Hannoveraner, Oldenburger, Holsteiner, Trakehner – sind Generalist-Rassen, die in einem gemäßigten Klima gezüchtet wurden. Sie kommen mit dem mitteleuropäischen Temperaturspektrum von minus 10 bis plus 30 Grad meist problemlos zurecht, ohne an einem der Extreme besonders zu glänzen. Ihre Anfälligkeit liegt weniger in der Temperatur selbst als in schnellen Wetterwechseln, die den Kreislauf belasten – ein Thema, das ich im Beitrag zu Kolik und Wetter ausführlich behandle.
Abschließend noch ein Gedanke, der mir in der Praxis immer wichtiger wird: Wir wählen Pferderassen nach Disziplin, Temperament und Optik – aber selten nach Klimaeignung. In Zeiten, in denen deutsche Sommer regelmäßig 35 Grad erreichen und die Prognosen weiter nach oben zeigen, wird die Frage der Rassewahl auch eine Frage der Gesundheitsvorsorge. Ein Isländer in München ist im Sommer strukturell benachteiligt. Ein Araber in Flensburg leidet im Winter. Das macht diese Rassen nicht untauglich für diese Standorte – aber es erfordert ein Management, das die genetischen Grenzen respektiert statt sie zu ignorieren.
Können Isländer in heißen Sommern in Deutschland Probleme bekommen?
Ja. Isländer sind auf Kälte optimiert und zeigen bei Temperaturen über 25 Grad deutlich früher Hitzestress als Warmblüter oder Araber. Ihr dichtes Fell, der kompakte Körperbau und das weniger effiziente Schwitzverhalten erschweren die Wärmeabgabe. Schattenzugang, angepasste Trainingszeiten und gegebenenfalls Schur sind bei Isländern in heißen Sommern unverzichtbar.
Welche Rassen sind besonders kolikgefährdet bei Wetterumschwüngen?
Eine Studie der University of Pennsylvania mit über 3000 Fällen zeigt, dass Quarter Horses 32 Prozent seltener an Koliken leiden als Vollblüter und Araber. Generell scheinen robustere Rassen mit guter Anpassungsfähigkeit weniger anfällig zu sein. Entscheidend ist aber weniger die Rasse als das Management – Futterwechsel, Stallwechsel und Bewegungsmangel bei Wetterumschwüngen sind die größeren Risikofaktoren.
Erstellt vom Redaktionsteam „Wetter Pferd”.