Anhidrose beim Pferd – wenn Pferde nicht mehr schwitzen können

Updated Juli 2026
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Pferd mit trockenem Fell bei sommerlicher Hitze

Kein Schweiß bei 35 Grad – ein lebensbedrohliches Problem

Vor zwei Sommern wurde ich zu einem Vollblut gerufen, das nach einer leichten Trainingseinheit bei 33 Grad völlig trocken war – kein Tropfen Schweiß, nicht an der Schulter, nicht am Hals, nirgendwo. Die Atemfrequenz lag bei 60 Atemzügen pro Minute, die Rektaltemperatur bei 40,8 Grad. Das Pferd konnte nicht schwitzen, und sein Körper hatte keine andere Möglichkeit, die Wärme loszuwerden, als sie über die Atemluft abzuführen – ein hoffnungslos ineffizienter Mechanismus, der bei weitem nicht ausreicht. Das war mein erster Fall von Anhidrose in Deutschland, und er hat mir gezeigt, dass dieses Problem nicht auf die Tropen beschränkt ist.

Anhidrose – der teilweise oder vollständige Verlust der Schweißfähigkeit – betrifft nach Schätzungen 2 bis 6 Prozent aller Pferde in tropischen und subtropischen Regionen. In gemäßigten Klimazonen wie Deutschland war sie lange eine Rarität. Aber mit zunehmend heißen Sommern tauchen die Fälle häufiger auf – bei Pferden, die aus kühleren Regionen stammen und mit der steigenden Wärmebelastung nicht zurechtkommen. Das Risiko einer Überhitzung, das bei Pferden ohnehin drei- bis zehnmal höher ist als beim Menschen, wird bei einem anhidrotischen Pferd zur akuten Lebensgefahr.

Ursachen und Genetik – was wir über das KCNE4-Gen wissen

Die Ursachen der Anhidrose sind noch nicht vollständig verstanden, aber die Forschung hat in den letzten Jahren einen entscheidenden Durchbruch erzielt. Patterson Rosa und Kollegen an der University of Florida haben genetische Marker rund um das Gen KCNE4 identifiziert, die signifikant mit chronischer Anhidrose assoziiert sind. KCNE4 codiert ein Protein, das an der Regulation von Kaliumkanälen in den Schweißdrüsen beteiligt ist – vereinfacht gesagt: Es steuert, wie gut die Schweißdrüsen Schweiß produzieren und abgeben können.

Diese genetische Komponente erklärt, warum manche Pferde unter identischen Bedingungen anhidrotisch werden und andere nicht. Es ist keine reine Überlastungsreaktion der Schweißdrüsen – es ist eine genetische Veranlagung, die unter Hitzestress aktiviert wird. Das ist eine wichtige Erkenntnis für die Praxis, denn sie bedeutet: Ein Pferd, das einmal Anhidrose entwickelt hat, wird sie unter ähnlichen Bedingungen mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder zeigen.

Die Pathophysiologie verläuft in drei Stadien. Im ersten Stadium schwitzen betroffene Pferde noch, aber weniger als gesunde Pferde – die Schweißproduktion ist reduziert, oft beginnend an den Flanken und am Hals. Im zweiten Stadium beschränkt sich das Schwitzen auf einzelne Körperstellen – typischerweise unter der Mähne und am Sattelgurt. Im dritten Stadium – der vollständigen Anhidrose – schwitzt das Pferd gar nicht mehr. Die Körperkerntemperatur steigt unkontrolliert an, die Atemfrequenz steigt kompensatorisch auf 50 bis 80 Atemzüge pro Minute, und das Pferd zeigt Leistungsverweigerung, Appetitlosigkeit und trockenes, struppiges Fell.

Neben der genetischen Prädisposition spielen weitere Faktoren eine Rolle: chronische Überstimulation der Schweißdrüsen durch anhaltende Hitzeexposition, hormonelle Imbalancen und möglicherweise eine Erschöpfung der Adrenalinrezeptoren in den Schweißdrüsen. Was wir sicher wissen: Anhidrose ist keine psychosomatische Störung und kein Trainingsmangel – es ist eine physiologische Funktionsstörung mit einer genetischen Grundlage.

Leben mit Anhidrose – Haltung, Kühlung und Grenzen

Die unbequeme Wahrheit zuerst: Anhidrose ist nach heutigem Wissensstand nicht heilbar. Es gibt Berichte über spontane Remissionen, besonders wenn betroffene Pferde in kühlere Klimazonen umgesiedelt werden, aber eine zuverlässige Therapie existiert nicht. Verschiedene Ansätze – von Akupunktur über Schilddrüsenhormon-Supplementierung bis zu Bierhefe – werden diskutiert, aber keiner ist durch kontrollierte Studien belegt.

Was bleibt, ist das Management – und das erfordert ein radikales Umdenken in der Haltung. Ein anhidrotisches Pferd kann nicht normal gearbeitet werden. Jede körperliche Belastung bei Temperaturen über 20 Grad erzeugt Wärme, die der Körper nicht abführen kann. Die WBGT-Schwellen, die für gesunde Pferde gelten, sind für anhidrotische Pferde irrelevant – ihre persönliche Schwelle liegt deutlich niedriger. Ich empfehle für betroffene Pferde: Training ausschließlich in den kühlsten Stunden des Tages, maximal 20 Minuten, nur Schritt und leichter Trab, mit sofortigem Abbruch bei erhöhter Atemfrequenz.

Die Haltung muss auf maximale Kühlung ausgerichtet sein. Ventilator im Stall – nicht optional, sondern Pflicht. Zugang zu Schatten rund um die Uhr. Regelmäßiges Abspritzen mit kühlem Wasser – nicht als Dusche, sondern als aktive Kühlung, weil die fehlende Verdunstungskühlung durch Schweiß ersetzt werden muss. Manche Stallbetreiber installieren für anhidrotische Pferde Vernebelungsanlagen, die die Umgebungstemperatur um 5 bis 8 Grad senken. In einem Stall, den ich in Hessen berate, haben wir eine solche Anlage über dem Paddock installiert – das betroffene Pferd verbringt die Mittagsstunden darunter und zeigt seitdem keine kritischen Temperaturspitzen mehr.

Die Fütterung anhidrotischer Pferde verdient besondere Aufmerksamkeit. Da der Körper weniger Schweiß produziert, ist der Elektrolytverlust geringer – aber der Flüssigkeitsbedarf bleibt hoch, weil die erhöhte Atemfrequenz über die Lunge erhebliche Wassermengen abgibt. Ich empfehle angefeuchtes Futter, um die Wasseraufnahme zu steigern, und freien Zugang zu kühlem Wasser mit einer Prise Salz.

Und die schwierigste Entscheidung: Ein anhidrotisches Pferd in Deutschland, wo die Sommer zunehmend heißer werden, lebt unter erschwerten Bedingungen, die sich nicht dauerhaft managen lassen, wenn die Infrastruktur fehlt. In manchen Fällen ist die Umsiedlung in eine kühlere Region – Nordseeküste, Mittelgebirge – die beste Option für das Tier. Es ist keine Entscheidung, die man leichtfertig trifft, aber es ist eine, die das Wohlergehen des Pferdes in den Mittelpunkt stellt. Einen breiteren Überblick zum Thema Hitzebelastung finden Sie im Beitrag zum Hitzschlag beim Pferd.

Kann Anhidrose geheilt werden?

Nach aktuellem Wissensstand ist Anhidrose nicht heilbar. Es gibt Berichte über spontane Remissionen, besonders bei Umzug in kühlere Klimazonen, aber keine zuverlässige Therapie. Verschiedene Ansätze werden diskutiert, sind aber nicht durch kontrollierte Studien belegt. Das Management – Kühlung, angepasste Haltung und reduzierte Belastung – ist derzeit die einzige verlässliche Maßnahme.

Wie erkennt man, ob ein Pferd unter Anhidrose leidet?

Das deutlichste Zeichen ist fehlendes oder stark reduziertes Schwitzen bei Hitze und Belastung, obwohl das Pferd sichtbar überhitzt ist. Weitere Anzeichen: erhöhte Atemfrequenz über 40 pro Minute in Ruhe bei Hitze, trockenes und struppiges Fell, Leistungsverweigerung und Appetitlosigkeit. Im Frühstadium schwitzt das Pferd nur noch an wenigen Stellen – unter der Mähne und am Sattelgurt.

Erstellt vom Redaktionsteam „Wetter Pferd”.