Kolik nach der Geburt – warum 11 % der Stuten betroffen sind

Jede zehnte Stute erlebt nach dem Abfohlen eine Kolik
Die Fohlengeburt war bilderbuchmäßig verlaufen – um 2 Uhr nachts, ohne Komplikationen, das Fohlen stand nach 40 Minuten und trank. Um 8 Uhr morgens fand die Besitzerin die Stute schweißnass in der Box, die Flanken aufgebläht, den Blick apathisch. Kolik, sechs Stunden nach der Geburt. Das war mein erster Fall von postpartaler Kolik, und er hat mich gelehrt, dass die Geburt nicht das Ende der Risikophase ist, sondern der Beginn einer neuen.
11 Prozent aller Stuten erleiden nach der Geburt eine Kolik. Das ist ein systematischer Review-Wert, der die Dimension des Problems zeigt: Mehr als jede zehnte Stute, die ein Fohlen zur Welt bringt, entwickelt in den Stunden und Tagen danach Bauchschmerzen. In einer Zuchtanlage mit 20 Stuten sind das statistisch zwei Fälle pro Saison – genug, um vorbereitet zu sein. Und Koliken sind die häufigste Todesursache bei Pferden, mit einer Letalität von etwa 7 Prozent bei Notfalleinweisungen. Bei postpartalen Koliken kann die Rate höher liegen, weil der geschwächte Zustand der Stute die Prognose verschlechtert.
Warum Stuten nach der Geburt besonders kolikgefährdet sind
Die Gründe für die erhöhte Kolikrate nach der Geburt sind mehrschichtig, und ich möchte sie so erklären, wie ich sie Züchtern in meinen Beratungen vermittle – von der offensichtlichen Ursache zur weniger bekannten.
Der offensichtlichste Faktor ist die physische Umstellung des Bauchraums. Während der Trächtigkeit werden die Darmschlingen durch den wachsenden Uterus zur Seite und nach oben gedrängt. Nach der Geburt zieht sich der Uterus innerhalb von Stunden zusammen, und der Darm „fällt“ in den freigewordenen Raum zurück. Dieses Zurückfallen kann zu Verlagerungen führen – Darmabschnitte, die sich verdrehen oder einklemmen, weil sie plötzlich mehr Bewegungsfreiheit haben als in den Monaten zuvor. Die Uterusinvolution – die Rückbildung der Gebärmutter – dauert mehrere Wochen, aber die kritischste Phase liegt in den ersten 48 bis 72 Stunden.
Der zweite Faktor ist die veränderte Darmmotilität. Während der Geburt und in den Stunden danach ist die Darmperistaltik reduziert – der Körper konzentriert seine Energie auf den Geburtsvorgang und die Nachgeburt. Ein verlangsamter Darm ist anfällig für Verstopfungen und Gasansammlungen. Gleichzeitig ändert sich das Fressverhalten: Viele Stuten fressen in den ersten 12 Stunden nach der Geburt wenig oder gar nicht, was den Dickdarm ohne den gewohnten Zellulose-Input lässt. Sarah Freeman und Kollegen haben in ihrem systematischen Review aus 58 Studien gezeigt, dass eine Änderung der Unterbringung oder des Futters eng mit dem Kolikrisiko verbunden ist – und nach der Geburt ändern sich beide: die Stute steht in einer Abfohlbox statt in ihrem gewohnten Stall, und ihr Fressverhalten ist gestört.
Der dritte Faktor ist der Flüssigkeitsverlust. Eine Stute verliert bei der Geburt erhebliche Mengen Flüssigkeit – durch die Fruchtwässer, die Nachgeburt und den Schweiß der Wehen. Wenn diese Flüssigkeit nicht schnell ersetzt wird, trocknet der Darminhalt ein und das Risiko für Verstopfungskoliken steigt. Gleichzeitig beginnt die Milchproduktion, die zusätzlich Wasser aus dem Kreislauf abzieht. Ein Pferd mit 600 Kilogramm Körpergewicht, das im Sommer bis zu 80 Liter trinken kann, braucht nach der Geburt mindestens diese Menge – aber viele frisch abgefohlte Stuten trinken in den ersten Stunden deutlich weniger als üblich.
Ein vierter Faktor, der selten diskutiert wird: Stress. Die Geburt ist ein hochgradig stressiges Ereignis, und der Cortisolspiegel der Stute ist in den ersten 24 Stunden danach signifikant erhöht. Cortisol beeinflusst die Darmmotilität und kann die Immunabwehr vorübergehend schwächen. In Kombination mit dem Schlafmangel – Stuten schlafen in den ersten Nächten nach der Geburt kaum, weil sie das Fohlen bewachen – entsteht ein physiologischer Stresszustand, der den Darm zusätzlich belastet.
Vorbeugung und Überwachung in den ersten 72 Stunden
Mein Protokoll für die postpartale Phase basiert auf drei Prinzipien: überwachen, füttern und hydrieren. Kein Punkt ist optional.
Überwachung: In den ersten 24 Stunden nach der Geburt prüfe ich die Stute alle vier Stunden – PAT-Werte, Darmgeräusche, Kotabsatz, Trinkverhalten. Normaler Kotabsatz innerhalb von 12 Stunden nach der Geburt ist ein gutes Zeichen. Fehlender Kotabsatz nach 18 Stunden ist ein Warnsignal, das den Tierarzt erfordert. Übermäßiges Schwitzen, wiederholtes Hinlegen und Aufstehen oder Desinteresse am Fohlen sind Koliksymptome, die sofortiges Handeln verlangen.
Fütterung: Ich biete der Stute unmittelbar nach der Geburt leicht verdauliches Heu an – weiches, blattreiches Heu, keine groben Stängel. Kleine Mengen, häufig angeboten. Kein Kraftfutter in den ersten 12 Stunden – die Darmperistaltik muss erst wieder in Gang kommen, bevor konzentriertes Futter zugeführt wird. Ab Tag 2 langsam steigern, mit Fokus auf Raufutter. Die Dickdarmfermentation, die 75 Prozent der metabolischen Energie im Winter liefert, braucht konstanten Input – ein leerer Dickdarm bei einer frisch abgefohlten Stute ist ein Kolikrisiko.
Hydration: Frisches, sauberes Wasser muss jederzeit frei zugänglich sein – direkt neben der Stute, nicht in der Ecke der Box, wo sie sich vom Fohlen entfernen müsste. Lauwarmes Wasser wird nach der Geburt besser angenommen als kaltes. Ich stelle zusätzlich einen Eimer mit lauwarmem Wasser und einer Prise Salz hin – das regt die Trinkmenge an und gleicht den Elektrolytverlust aus. Kontrollieren Sie die Trinkmenge: Weniger als 20 Liter in den ersten 12 Stunden nach der Geburt ist zu wenig.
Ein letzter Punkt, der mir als Berater besonders wichtig ist: Kommunizieren Sie mit Ihrem Tierarzt vor der Geburt, nicht erst danach. Klären Sie, unter welcher Nummer er nachts erreichbar ist, wie lange er braucht, und ob ein Kliniktransport vorbereitet sein sollte. Die 40 Minuten, die der Tierarzt in meiner eingangs beschriebenen Geschichte brauchte, waren 40 Minuten, in denen ich allein handeln musste – und ich wusste, was zu tun war. Nicht jeder Halter hat diese Erfahrung. Die Forschungslage zum Zusammenhang zwischen Wetter, Management und Kolikrisiko finden Sie im entsprechenden Überblicksartikel.
In welchem Zeitfenster nach der Geburt ist die Kolikgefahr am höchsten?
Die kritischste Phase liegt in den ersten 48 bis 72 Stunden nach der Geburt. In dieser Zeit zieht sich der Uterus zusammen, der Darm verlagert sich in den freigewordenen Raum, und die Darmmotilität ist noch reduziert. Die meisten postpartalen Koliken treten innerhalb der ersten 24 Stunden auf. Überwachung alle vier Stunden in diesem Zeitraum ist empfehlenswert.
Woran erkennt man eine postpartale Kolik bei der Stute?
Achten Sie auf übermäßiges Schwitzen, wiederholtes Hinlegen und Aufstehen, Desinteresse am Fohlen, reduzierten oder fehlenden Kotabsatz und verweigerte Futteraufnahme. Messen Sie die PAT-Werte: Puls über 48, Atmung über 16 und Temperatur über 38,5 Grad in Kombination mit Unruhe sind Warnsignale, die einen sofortigen Tierarztanruf erfordern.
Verfasst vom Team von „Wetter Pferd”.