Elektrolyte für Pferde im Sommer – wann Salz und Supplemente wirklich nötig sind

Pferde schwitzen anders als Menschen – was das für den Elektrolythaushalt bedeutet
In meinem ersten Sommer als Pferdeberater hat mir ein Besitzer stolz erzählt, er gebe seinem Pferd täglich drei Portionen eines teuren Elektrolytpulvers – prophylaktisch, den ganzen Sommer über, unabhängig von Arbeit und Temperatur. Das Pferd hatte chronisch weichen Kot. Als wir das Pulver absetzten, normalisierte sich die Verdauung innerhalb einer Woche. Seitdem bin ich vorsichtig mit pauschalen Elektrolytempfehlungen und schaue mir die tatsächlichen Verluste an, bevor ich supplementiere.
Pferde schwitzen hypertonen Schweiß – das bedeutet, ihre Schweißflüssigkeit enthält mehr Elektrolyte als das Blutplasma. Beim Menschen ist es umgekehrt: Menschlicher Schweiß ist hyperton, aber deutlich weniger minerallastig als Pferdeschweiß. Pferdeschweiß enthält pro Liter etwa 3,1 Gramm Natrium, 5,5 Gramm Chlorid und 1,2 Gramm Kalium. Ein Pferd mit einem Körpergewicht von 600 Kilogramm kann bei intensiver Arbeit in großer Hitze 10 bis 15 Liter Schweiß pro Stunde verlieren – das Risiko für Überhitzung ist drei- bis zehnmal höher als beim Menschen. Mit jedem Liter Schweiß gehen erhebliche Mengen an Mineralstoffen verloren, die ersetzt werden müssen.
Was das praktisch bedeutet: Ein Pferd, das bei 32 Grad eine Stunde Galopparbeit leistet und dabei 12 Liter Schweiß verliert, verliert in dieser einen Stunde 37 Gramm Natrium, 66 Gramm Chlorid und 14 Gramm Kalium. Das sind Mengen, die ein Salzleckstein nicht innerhalb von 24 Stunden liefern kann. Umgekehrt: Ein Pferd, das bei 25 Grad eine halbe Stunde Schritt und leichten Trab geht, verliert vielleicht 2 Liter Schweiß und damit 6 Gramm Natrium – eine Menge, die problemlos durch normales Futter und einen Salzleckstein gedeckt wird.
Welche Elektrolyte ein Pferd über den Schweiß verliert
Die drei Hauptelektrolyte im Pferdeschweiß sind Natrium, Chlorid und Kalium – in genau dieser Reihenfolge der physiologischen Bedeutung. Natrium und Chlorid werden über den Schweiß verloren und müssen extern zugeführt werden, weil der Körper keine nennenswerten Reserven hat. Kalium ist in Raufutter reichlich vorhanden – ein Pferd, das ausreichend Heu frisst, hat selten einen Kaliummangel.
Ein Detail, das in der Praxis eine große Rolle spielt: Der Natriumverlust beeinflusst das Durstgefühl. Ein Pferd, das viel Natrium über den Schweiß verliert, ohne es zu ersetzen, hat ein reduziertes Durstgefühl – obwohl es dehydriert ist, trinkt es weniger. Das ist einer der tückischsten Mechanismen bei Hitzestress: Das Pferd braucht Wasser, verlangt aber keines, weil das Natriumdefizit den Durstreiz unterdrückt. Ein Salzleckstein allein kann dieses Problem lösen, wenn das Pferd ihn nutzt – manche tun das, manche nicht.
Kalzium und Magnesium gehen ebenfalls über den Schweiß verloren, aber in deutlich geringeren Mengen. Ein normales Mineralfutter deckt den Bedarf in der Regel ab. Nur bei extremer, mehrstündiger Belastung – Distanzreiten, Vielseitigkeit, Rennsport – werden auch diese Verluste relevant und sollten gezielt ergänzt werden.
Der schaumige Schweiß, den Sie bei manchen Pferden sehen, ist übrigens ein Zeichen für hohe Proteinkonzentrationen im Schweiß, nicht für einen besonders hohen Elektrolytverlust. Pferde mit schaumigem Schweiß verlieren nicht mehr Elektrolyte als Pferde mit klarem Schweiß – sie produzieren lediglich ein Protein namens Latherin, das die Oberflächenspannung des Schweißes senkt und die Verdunstung verbessert. Ein cleverer Mechanismus, kein Warnsignal.
Wann ein Elektrolytpräparat sinnvoll ist – und wann der Salzleckstein reicht
Meine Empfehlung basiert auf einer einfachen Unterscheidung: Ruhephase und leichte Arbeit auf der einen Seite, intensive Arbeit bei Hitze auf der anderen.
Bei Ruhephase und leichter Arbeit – Schritt, leichter Trab, Spazierreiten bei moderaten Temperaturen bis 25 Grad – reicht ein Salzleckstein aus, der frei zugänglich im Stall oder auf der Weide angebracht ist. Ein 600-Kilo-Pferd nimmt über den Leckstein typischerweise 30 bis 60 Gramm Salz pro Tag auf – genug, um die normalen Verluste auszugleichen. Kontrollieren Sie, ob Ihr Pferd den Leckstein tatsächlich nutzt. Manche Pferde lecken ihn täglich ab, andere ignorieren ihn wochenlang. Im zweiten Fall: loses Salz ins Futter mischen, ein bis zwei Esslöffel pro Tag.
Bei intensiver Arbeit bei Temperaturen über 28 Grad wird ein Elektrolytpräparat sinnvoll. Geben Sie es nach der Arbeit, nicht davor – der Körper braucht die Elektrolyte zum Auffüllen der Verluste, nicht als Vorrat. Lösen Sie das Präparat im Futter oder bieten Sie es in einem separaten Wassereimer an – nie im einzigen verfügbaren Wasser. Manche Pferde verweigern elektrolythaltiges Wasser, und ein Pferd, das nach intensiver Arbeit gar nicht trinkt, ist in größerer Gefahr als eines, das ohne Elektrolyte trinkt. Ich markiere den Elektrolyteimer in meinen Ställen farbig – grün für reines Wasser, blau für Elektrolytwasser -, damit es keine Verwechslungen gibt.
Für Turnier- und Distanzpferde, die regelmäßig unter Hitze intensiv arbeiten, empfehle ich ein Protokoll: Elektrolyte am Abend vor dem Turniertag im Futter, nach der Prüfung nochmals, und an den folgenden ein bis zwei Tagen zur Regeneration. Dauerhaft über den gesamten Sommer supplementieren halte ich für unnötig und potenziell kontraproduktiv – der Körper soll seine natürliche Regulationsfähigkeit behalten.
Die Dosierung richtet sich nach dem Hersteller – und ich rate dringend davon ab, höher zu dosieren als angegeben. Zu viel Natrium im Darm zieht osmotisch Wasser nach und verursacht Durchfall, der den Flüssigkeitsverlust weiter verschärft statt ihn zu beheben. In meiner Praxis sehe ich Überdosierung häufiger als Unterdosierung – der Gedanke „viel hilft viel“ ist bei Elektrolyten besonders gefährlich. Ein Pferd, das bei 600 Kilogramm Körpergewicht im Sommer 40 bis 80 Liter Wasser pro Tag trinkt und Zugang zu einem Salzleckstein hat, ist in den meisten Fällen ausreichend versorgt. Einen breiteren Überblick zum Thema Hitzeschutz finden Sie im Beitrag zum Hitzschlag beim Pferd.
Reicht ein Salzleckstein für Pferde im Sommer aus?
Bei leichter Arbeit und moderaten Temperaturen bis 25 Grad – ja. Ein frei zugänglicher Salzleckstein liefert 30 bis 60 Gramm Salz pro Tag, was die normalen Verluste deckt. Bei intensiver Arbeit in großer Hitze reicht er nicht aus – hier ist ein gezieltes Elektrolytpräparat nach der Arbeit sinnvoll. Kontrollieren Sie, ob Ihr Pferd den Leckstein tatsächlich nutzt.
Kann eine Überdosierung von Elektrolyten schaden?
Ja. Zu viel Natrium im Darm verursacht osmotischen Durchfall, der den Flüssigkeitsverlust verschlimmert statt ihn auszugleichen. Halten Sie sich strikt an die Dosierungsangaben des Herstellers und supplementieren Sie nur bei tatsächlichem Bedarf – nach intensiver Arbeit bei Hitze, nicht prophylaktisch.
Geschrieben von der Redaktion „Wetter Pferd”.