Altes Pferd im Winter – warum Senioren besonderen Wetterschutz brauchen

Mit 20 Jahren spürt Ihr Pferd jeden Wetterumschwung stärker
Ich erinnere mich an einen Dezembermorgen vor drei Jahren, als ich zu einer 24-jährigen Stute gerufen wurde, die am Vortag noch völlig normal gefressen hatte und jetzt apathisch in ihrer Box stand, die Beine leicht geschwollen, der Kreislauf im Keller. Es hatte über Nacht von plus 8 auf minus 6 Grad gedreht, dazu Böen aus Nordwest. Die jüngeren Pferde im Stall zeigten keinerlei Veränderung. Aber diese alte Stute hatte den Wetterumschwung nicht kompensieren können – ihr Körper war schlicht zu langsam, um auf die plötzliche Kälte zu reagieren.
Eine Studie der Universität Mailand hat gezeigt, dass Pferde in Offenstallhaltung im Sommer und Herbst erhöhte Cortisolwerte aufweisen – ein Marker für chronischen Stress. Bei alten Pferden verstärkt sich dieser Effekt, weil die Stressregulation über die Nebennieren mit dem Alter nachlässt. Nicole Maier, Pferdeosteopathin, bringt das Dilemma der pauschalen Empfehlung auf den Punkt: Es ist schwierig, eine allgemeingültige Aussage über Wetterfühligkeit bei Pferden zu treffen. Und genau deshalb brauchen Senioren eine individuelle Betrachtung, keine Standardlösung.
Was sich im Alter ändert – Stoffwechsel, Immunsystem und Thermoregulation
Wenn ich über alte Pferde im Winter spreche, muss ich zuerst erklären, was „alt“ in diesem Kontext bedeutet. Es gibt Pferde, die mit 28 Jahren noch robust durch den Winter kommen, und solche, die mit 18 bereits Probleme haben. Biologisches Alter und kalendarisches Alter klaffen bei Pferden weit auseinander – aber als grobe Orientierung: Ab 20 Jahren steigt das Risiko für wetterbedingte Probleme spürbar an.
Der erste Faktor ist der verlangsamte Stoffwechsel. Ein gesundes, erwachsenes Pferd setzt im Winter 75 Prozent seiner metabolischen Energie für die Wärmeproduktion ein. Dieser Mechanismus funktioniert über die Fermentation von Raufutter im Dickdarm – ein Prozess, der erhebliche Wärme erzeugt. Bei alten Pferden nimmt die Verdauungseffizienz ab: schlechtere Zähne bedeuten schlechter zerkautes Heu, was die Fermentation verlangsamt. Weniger Fermentation bedeutet weniger Wärme. Das Pferd kühlt schneller aus, braucht mehr Futter für denselben Wärmeeffekt und gerät in eine Negativspirale, wenn es nicht rechtzeitig aufgefangen wird.
Der zweite Faktor ist das Immunsystem. Im Alter nimmt die Immunantwort ab, was Infektionen begünstigt – besonders Atemwegserkrankungen, die im Winter durch kalte, feuchte Luft und erhöhten Ammoniakgehalt in schlecht belüfteten Ställen getriggert werden. Ein junges Pferd steckt eine leichte Erkältung weg, ein altes Pferd kann daraus eine chronische Bronchitis entwickeln.
Der dritte Faktor ist die Thermoregulation selbst. Die thermoneutrale Zone eines Pferdes liegt zwischen minus 15 und plus 25 Grad – aber das gilt für ein gesundes Tier mit vollem Winterfell und normalem Körperfett. Bei alten Pferden verschiebt sich die untere Grenze nach oben, manchmal drastisch. Ein Senior mit Cushing-Syndrom, der ein lückenhaftes, weiches Fell produziert, das nie die volle Winterdichte erreicht, kann bei plus 5 Grad bereits frieren, wenn Wind und Nässe hinzukommen. Der Körper eines solchen Pferdes hat nicht mehr die Kapazität, die Piloerektion aufrechtzuerhalten – die Haare stellen sich nicht ausreichend auf, die isolierende Luftschicht fehlt.
Arthrose ist ein vierter Faktor, den ich bei Senioren im Winter nie unterschätze. Kälte und Feuchtigkeit verschlimmern Gelenkschmerzen, was die Bewegungsbereitschaft senkt. Weniger Bewegung bedeutet weniger Wärmeproduktion durch Muskelarbeit – ein weiterer Baustein in der Abwärtsspirale. Gleichzeitig steift ein Pferd, das sich weniger bewegt, schneller ein, was die Arthrose weiter verschlimmert. Dieser Kreislauf muss aktiv durchbrochen werden – und zwar nicht erst, wenn das Pferd lahmt, sondern präventiv ab dem ersten kühlen Herbsttag.
Hinzu kommt ein Punkt, der in der Diskussion über Senioren im Winter selten auftaucht: der Wasserhaushalt. Alte Pferde trinken tendenziell weniger, besonders wenn das Wasser kalt ist. Ein Pferd, das im Winter weniger trinkt, hat ein erhöhtes Risiko für Verstopfungskoliken – und Koliken sind die häufigste Todesursache bei Pferden, mit einer Letalität von etwa 7 Prozent bei Notfalleinweisungen. Warmes Wasser anzubieten oder das Heu leicht anzufeuchten kann dieses Risiko messbar senken.
Wintermanagement für Senioren – Fütterung, Bewegung und Eindecken
Mein Winterprotokoll für alte Pferde basiert auf drei Säulen, und die erste ist mit Abstand die wichtigste: Fütterung. Ein Senior braucht im Winter mehr Heu als ein junges Pferd – nicht nur, weil er die Wärme braucht, sondern weil er das Heu schlechter verwertet. Ich empfehle für Pferde über 20 Jahren eine Erhöhung der Heumenge um 15 bis 20 Prozent gegenüber dem Sommerstandard. Pferde mit Zahnproblemen bekommen eingeweichte Heucobs oder Luzernehäcksel – Hauptsache, die Rohfaser kommt in den Dickdarm.
Die zweite Säule ist Bewegung. Ich verstehe, dass man ein arthritisches Pferd bei minus 5 Grad nicht galoppieren lässt. Aber Schrittbewegung – 20 bis 30 Minuten am Langzügel oder geführt – hält den Kreislauf in Gang und die Gelenke beweglich. Wer sein altes Pferd im Winter sechs Wochen lang in der Box stehen lässt, findet im Frühjahr ein Pferd vor, das deutlich steifer ist als vor dem Winter. Moderate tägliche Bewegung, angepasst an die Tagesform, ist das beste Mittel gegen den winterlichen Abbau.
Die dritte Säule ist der Wetterschutz – und hier bin ich bei Senioren großzügiger als bei jüngeren Pferden. Wo ich einem gesunden Sechsjährigen erst bei minus 10 Grad eine Decke empfehle, decke ich einen 22-Jährigen mit dünnem Fell schon bei plus 5 Grad und Regen ein. Der Grundsatz „so wenig wie nötig“ gilt weiterhin, aber die Schwelle liegt niedriger. Beobachten Sie Ihr Pferd jeden Morgen: Muskelzittern, aufgestelltes Fell, eingezogener Rücken und Unlust zur Bewegung sind Zeichen, dass das Pferd friert – und dann ist eine Decke keine Überversorgung, sondern Pflicht.
Was ich bei Senioren außerdem empfehle: eine regelmäßige Gewichtskontrolle alle zwei Wochen. Ein Maßband um den Brustumfang genügt – notieren Sie den Wert und vergleichen Sie über den Winter. Gewichtsverlust bei alten Pferden beginnt schleichend und fällt unter dem Winterfell oft erst auf, wenn es zu spät ist. Wenn der Brustumfang über einen Monat um mehr als 5 Zentimeter abnimmt, erhöhen Sie sofort die Futtermenge und lassen Sie die Zähne und den allgemeinen Gesundheitszustand überprüfen. Ein detaillierter Blick auf die Grundlagen des Winterschutzes für alle Altersgruppen liefert zusätzliche Orientierung.
Ab welchem Alter gilt ein Pferd als Senior?
Eine feste Altersgrenze gibt es nicht. Als grobe Orientierung gelten Pferde ab 20 Jahren als Senioren. Entscheidend ist aber das biologische Alter: Zahnzustand, Stoffwechselleistung, Muskel- und Fettreserven sowie eventuelle chronische Erkrankungen wie Cushing oder Arthrose bestimmen, wann ein Pferd besonderen Winterschutz braucht – das kann im Einzelfall schon mit 17 oder erst mit 25 Jahren der Fall sein.
Sollte man ein altes Pferd mit Arthrose bei Kälte anders bewegen?
Ja. Kalte Gelenke sind steife Gelenke. Geben Sie arthritischen Senioren eine längere Aufwärmphase im Schritt – mindestens 15 Minuten – bevor Sie in den Trab gehen. Vermeiden Sie enge Wendungen und tiefe Böden. Kurze, tägliche Bewegungseinheiten sind besser als seltene, längere. An extrem kalten Tagen mit glatten Böden kann ein ruhiger Spaziergang an der Hand die bessere Wahl sein als Reiten.
Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.