Hitzeakklimatisierung beim Pferd – wie drei Wochen Training die Hitzetoleranz verbessern

Drei Wochen bei 30 Grad – und das Pferd läuft länger. Wie geht das?
Letzten Sommer habe ich mit einem Distanzreiter zusammengearbeitet, dessen Pferd bei Hitze regelmäßig nach 20 Kilometern einbrach – erhöhte Atemfrequenz, reduzierte Trittfrequenz, Leistungsverweigerung. Nach einem dreiwöchigen, kontrollierten Akklimatisierungsprotokoll lief dasselbe Pferd 40 Kilometer bei vergleichbaren Temperaturen und kam mit deutlich besseren Erholungswerten ins Ziel. Was war passiert? Keine neuen Futterzusätze, keine Änderung der Ausrüstung – nur eine gezielte Anpassung des Körpers an Hitze, die messbare physiologische Veränderungen auslöst.
Eine Studie aus 2024 in den Physiological Reports hat genau diesen Effekt wissenschaftlich dokumentiert: Hitzeakklimatisierung über drei Wochen bei einem WBGT-Wert von 29 bis 30 Grad führt bei Vollblutpferden zu einer signifikanten Verlängerung der Laufzeit bis zur Ermüdung und zu einer Erhöhung des Schlagvolumens des Herzens. Das Herz pumpt pro Schlag mehr Blut, die Kühlung über die Haut wird effizienter, und die Kerntemperatur steigt bei gleicher Belastung weniger stark an. Der Körper lernt, mit Hitze umzugehen – aber nur, wenn man ihn systematisch und kontrolliert daran gewöhnt.
Die Studie – Physiological Reports 2024 und ihre Ergebnisse
Ich habe die Studie im Detail gelesen und fasse die für die Praxis relevanten Ergebnisse zusammen. Die Forscher setzten Vollblutpferde über 21 Tage einem standardisierten Hitzetraining aus – tägliche Belastung bei WBGT-Werten zwischen 29 und 30 Grad, mit kontrollierter Steigerung der Intensität.
Ergebnis eins: Das Schlagvolumen des Herzens stieg signifikant an. Das bedeutet, das Herz wurde effizienter – es konnte mit weniger Schlägen mehr Blut durch den Körper pumpen, was die Wärmeabfuhr über die Haut verbessert. Mehr Blut in den Hautgefäßen bedeutet mehr Wärmetransport von innen nach außen, wo sie über Konvektion und Verdunstung abgeführt wird.
Ergebnis zwei: Die Zeit bis zur Ermüdung verlängerte sich messbar. Die Pferde konnten nach der Akklimatisierung dieselbe Belastung länger aufrechterhalten, bevor die Kerntemperatur den kritischen Bereich erreichte. Das ist der Effekt, den Reiter und Trainer in der Praxis bemerken – das Pferd „hält länger durch“ bei Hitze.
Ergebnis drei: Die Schweißproduktion wurde effizienter. Akklimatisierte Pferde begannen früher zu schwitzen und produzierten ein dünneres Schweißsekret mit höherem Wassergehalt – das verdunstet schneller und kühlt besser. Gleichzeitig sank die Elektrolytkonzentration im Schweiß leicht, was den Mineralienverlust pro Liter Schweiß reduziert. Bei Pferden, deren Risiko für Überhitzung drei- bis zehnmal höher ist als beim Menschen, ist jede Effizienzsteigerung in der Schweißproduktion ein Überlebensvorteil.
Was die Studie auch zeigt: Die Akklimatisierung braucht mindestens 14 Tage, um messbare Ergebnisse zu liefern, und erreicht ihr Plateau nach 21 Tagen. Kürzere Protokolle – eine Woche bei Hitze – erzeugen keine stabile Anpassung. Und die Akklimatisierung ist reversibel: Nach zwei bis drei Wochen ohne Hitzeexposition gehen die Anpassungen wieder verloren. Das hat Konsequenzen für die Praxis, die ich im nächsten Abschnitt bespreche.
Ein Akklimatisierungsprotokoll für die Praxis
Ich habe aus den Studienergebnissen und meiner eigenen Erfahrung ein Protokoll entwickelt, das für Freizeitpferde und Sportpferde gleichermaßen anwendbar ist. Es beginnt drei Wochen vor der erwarteten Hitzeperiode – in Deutschland also idealerweise Anfang Juni, wenn die erste Hitzewelle typischerweise Ende Juni oder Anfang Juli kommt.
Woche 1: Tägliche Bewegung bei den höchsten Temperaturen des Tages, aber nur im Schritt. 20 Minuten am ersten Tag, Steigerung auf 30 Minuten bis zum siebten Tag. Kein Trab, kein Galopp. Ziel: Der Körper soll lernen, bei Wärme Schweiß zu produzieren und den Kreislauf an die erhöhte Hautdurchblutung anzupassen. Nach jeder Einheit aktiv kühlen und Wasser anbieten.
Woche 2: Steigerung auf 30 bis 40 Minuten, davon 10 Minuten leichter Trab. Weiterhin bei den wärmsten Temperaturen des Tages. Die Atemfrequenz sollte nach der Arbeit innerhalb von 15 Minuten unter 30 pro Minute fallen – wenn nicht, war die Belastung zu hoch. Die Rektaltemperatur 30 Minuten nach der Arbeit sollte unter 39,5 Grad liegen.
Woche 3: 40 bis 50 Minuten, davon 15 bis 20 Minuten Trab und kurze Galoppeinheiten von maximal 3 Minuten. Die Erholungswerte sollten sich gegenüber Woche 1 verbessert haben – schnellerer Pulsabfall, schnellere Normalisierung der Atemfrequenz. Wenn das der Fall ist, hat die Akklimatisierung gegriffen. Dokumentieren Sie die Erholungswerte: In Woche 1 braucht ein durchschnittliches Pferd nach 30 Minuten Training bei Hitze etwa 20 Minuten, um den Puls unter 48 zu senken. In Woche 3 schafft ein akklimatisiertes Pferd das in 10 bis 12 Minuten. Dieser Unterschied ist der messbare Beweis, dass die Anpassung funktioniert hat.
US Equestrian empfiehlt, Veranstaltungen bei einem Heat Index über 180 abzusagen – das entspricht in etwa einem WBGT von 32 Grad. Ein akklimatisiertes Pferd kann bei einem WBGT von 28 noch moderat arbeiten, wo ein nicht akklimatisiertes Pferd bereits Stresssymptome zeigt. Das ist der Spielraum, den die Akklimatisierung schafft – kein Freibrief für Arbeit in extremer Hitze, aber ein messbarer Puffer.
Ein Punkt, den ich immer betone: Akklimatisierung ist kein Ersatz für vernünftiges Hitzemanagement. Sie schützt nicht vor Hitzschlag, wenn Sie ein Pferd bei 38 Grad eine Stunde Galopp arbeiten lassen. Sie gibt dem Pferd einen physiologischen Vorteil, der die Belastungsgrenze nach oben verschiebt – aber diese Grenze existiert weiterhin. Wer die Akklimatisierung als Argument nutzt, um härteres Training bei Hitze zu rechtfertigen, hat den Zweck missverstanden. Mehr zum Gesamtthema Hitzeschutz finden Sie im Beitrag zum Hitzschlag beim Pferd.
Wie lange dauert die Hitzeakklimatisierung bei einem Pferd?
Mindestens 14 Tage für messbare Ergebnisse, optimal 21 Tage. Das Protokoll umfasst tägliche, kontrolliert gesteigerte Belastung bei hohen Temperaturen – von 20 Minuten Schritt in der ersten Woche bis zu 50 Minuten inklusive Trab und kurzem Galopp in der dritten Woche. Kürzere Protokolle erzeugen keine stabile Anpassung.
Geht die Akklimatisierung verloren, wenn das Pferd zwei Wochen Pause hat?
Ja. Die physiologischen Anpassungen – erhöhtes Schlagvolumen, effizienteres Schwitzen, verbesserte Wärmetoleranz – bilden sich nach zwei bis drei Wochen ohne Hitzeexposition wieder zurück. Wenn Ihr Pferd nach einer zweiwöchigen Pause bei Hitze arbeiten soll, beginnen Sie das Protokoll erneut, allerdings mit einem verkürzten Zeitrahmen von 10 bis 14 Tagen, da der Körper die Anpassung beim zweiten Mal schneller vollzieht.
Geschrieben von der Redaktion „Wetter Pferd”.