Hitzschlag beim Pferd — Symptome erkennen, Erste Hilfe leisten und vorbeugen

Pferd bei starker Hitze im Sommer zeigt Anzeichen von Hitzestress

Wenn die Sonne zur Gefahr wird — Hitzschlag beim Pferd

Im Juli 2022 stand ich auf einem Turnier in Nordhessen, 34 Grad im Schatten, und sah, wie ein Warmblut nach der Dressurkür buchstäblich zusammenklappte. Die Reiterin hatte alle Warnsignale übersehen — das schwere Atmen, den ausbleibenden Schweiß, die taumelnden Schritte. Der Tierarzt war in vier Minuten da, aber die Bilder vergesse ich nicht. Seitdem ist Hitzschlag beim Pferd für mich kein abstraktes Thema mehr, sondern ein konkreter Notfall, den ich jedes Jahr mindestens einmal in meiner Beratungspraxis erlebe.

Das Risiko von Überhitzung ist bei Pferden drei- bis zehnmal höher als beim Menschen. Das klingt drastisch, aber die Biologie erklärt es: Ein 600 Kilogramm schwerer Organismus produziert enorme Mengen an Stoffwechselwärme, und die Fläche, über die er diese Wärme abgeben kann, ist im Verhältnis zur Körpermasse viel kleiner als bei uns. Barbara Schulte, Autorin und Verhaltensforscherin, fasst die Asymmetrie in einem Satz zusammen: Große Kälte können Pferde besser aushalten als große Hitze. Die thermoneutrale Zone — der Temperaturbereich, in dem der Stoffwechsel ohne zusätzlichen Energieaufwand funktioniert — reicht beim Pferd bis etwa 25 Grad Celsius an der oberen Grenze. Alles darüber bedeutet aktive Kühlung, und genau diese hat ihre Grenzen.

In neun Jahren als Pferdeklima-Analyst habe ich gelernt, dass die meisten Hitzschlag-Fälle vermeidbar sind. Nicht durch teure Technik, sondern durch Wissen: Wann wird aus Wärme Gefahr? Welche Symptome zeigen sich zuerst? Und was genau tun Sie, wenn ein Pferd vor Ihnen steht und die Temperatur nicht mehr selbst regulieren kann? Dieser Artikel liefert die Antworten — mit konkreten Zahlen aus der Forschung, klaren Handlungsanweisungen und einem realistischen Blick darauf, was Sie als Pferdehalter tatsächlich beeinflussen können. Denn zwischen „es ist warm“ und „das Pferd stirbt“ liegen manchmal nur dreißig Minuten.

Was mich dabei immer wieder überrascht: Viele Reiter kennen die Koliksymptome auswendig, aber beim Hitzschlag hört das Wissen auf. Dabei ist Überhitzung im Sommer mindestens genauso häufig Grund für einen Notfallanruf beim Tierarzt — und die Erste Hilfe, die man leisten kann, ist deutlich konkreter als bei den meisten anderen Notfällen. Es geht um Wasser, um Schatten, um Messwerte. Um Dinge, die jeder umsetzen kann, wenn er weiß, worauf es ankommt.

Warum Pferde so hitzeempfindlich sind

Stellen Sie sich vor, Sie tragen eine Daunenjacke bei 35 Grad und sollen darin einen 400-Meter-Sprint laufen. Ungefähr so fühlt sich Arbeit unter Hitze für ein Pferd an — mit dem Unterschied, dass das Pferd die Jacke nicht ausziehen kann. Die Hitzeempfindlichkeit von Pferden hat vier Ursachen, die zusammen eine gefährliche Kombination bilden.

Die erste ist das Verhältnis von Körpermasse zu Körperoberfläche. Ein Pferd von 600 Kilogramm erzeugt bei mittlerer Arbeit so viel Wärme wie ein 2000-Watt-Heizlüfter. Diese Energie muss über Haut und Atemwege nach außen, aber die relative Hautfläche ist deutlich kleiner als beim Menschen. Das Ergebnis: Wärme staut sich schneller auf, als der Körper sie loswerden kann.

Die zweite Ursache ist die Abhängigkeit vom Schwitzen. Pferde gehören zu den wenigen Tierarten, die — wie wir — hauptsächlich über Schweißverdunstung kühlen. Rund 65 Prozent ihrer Wärmeabgabe läuft über diesen Mechanismus. Das funktioniert gut bei trockener Luft, versagt aber bei hoher Luftfeuchtigkeit. Wenn die Luft bereits mit Wasserdampf gesättigt ist, verdunstet der Schweiß kaum noch, und die kühlende Wirkung bricht zusammen. Genau deshalb sind schwüle Tage mit 28 Grad gefährlicher als trockene Tage mit 33.

Eine japanische Studie von Takahashi und Takahashi aus dem Jahr 2020 hat diesen Zusammenhang quantifiziert: Bei einem WBGT-Wert — einer Kennzahl, die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sonnenstrahlung kombiniert — von über 28 Grad Celsius steigt das Risiko einer belastungsbedingten Hitzeerkrankung um 28,5 Prozent im Vergleich zu Werten unter 20. Das ist keine marginale Steigerung, sondern ein Sprung.

Drittens spielt die Fellfarbe eine messbare Rolle. Schwarze Haare absorbieren doppelt so viel Sonnenstrahlung wie weiße. Bei Zebras — die als natürliches Experiment dienen — erreicht die Oberflächentemperatur der schwarzen Streifen 44 bis 56 Grad Celsius, während die weißen Streifen bei 36 bis 42 Grad bleiben. Für Pferde mit dunklem Fell bedeutet das eine zusätzliche Wärmelast, die sich bei direkter Sonneneinstrahlung auf dem Rücken und der Kruppe summiert.

Die vierte Ursache ist schlicht die Arbeitsbelastung. Ein Pferd, das galoppiert, produziert etwa fünfmal mehr Wärme als im Stehen. Wenn diese Wärme nicht schnell genug abgeführt wird, steigt die Kerntemperatur innerhalb von Minuten über die kritische Schwelle. Im Ruhezustand liegt die Temperatur bei 37,5 bis 38,5 Grad, aber unter Belastung kann sie auf 40 Grad oder höher klettern — und ab 42 Grad beginnt der Organismus zu versagen. Zwischen „das Pferd schwitzt ordentlich“ und „das Pferd ist in Lebensgefahr“ liegt oft weniger, als man denkt.

Die Warnsignale — vom ersten Schwitzen bis zum Notfall

Ich sage meinen Kunden immer: Das Problem beim Hitzschlag ist nicht, dass es keine Warnsignale gibt, sondern dass die meisten zu spät hinschauen. Ein Pferd kündigt die Überhitzung an — leise, dann deutlich, dann dramatisch. Wer die Reihenfolge kennt, hat Zeit zu handeln.

Die erste Stufe ist verstärktes Schwitzen. Das klingt banal — natürlich schwitzt ein Pferd bei Hitze. Aber es gibt einen Unterschied zwischen normalem Arbeitsschweiß und dem klebrigen, schaumigen Film, der signalisiert, dass die Kühlung am Limit arbeitet. Achten Sie auf die Verteilung: Schweiß unter dem Sattel und an der Brust ist normal, aber wenn die gesamte Flanke nass glänzt und der Schweiß in Tropfen abläuft, ist das ein Signal. Gleichzeitig steigt die Atemfrequenz. In Ruhe atmet ein gesundes Pferd 8 bis 16 Mal pro Minute, der Puls liegt bei 24 bis 48 Schlägen. Diese Werte sollte jeder Pferdehalter auswendig kennen, denn sie sind Ihre Baseline.

Die zweite Stufe zeigt sich durch beschleunigte, flache Atmung — über 40 Atemzüge pro Minute, manchmal begleitet von geblähten Nüstern. Das Pferd wirkt träge, reagiert verzögert auf Hilfen, und die Ohren pendeln nicht mehr aufmerksam. Manche Pferde stellen die Futteraufnahme ein, andere trinken hektisch und viel. Wenn Sie jetzt die Rektaltemperatur messen, finden Sie Werte um die 39,5 bis 40 Grad Celsius. Das ist bereits ein Warnsignal, kein Normalzustand.

Die dritte Stufe ist der eigentliche Notfall. Das Pferd hört auf zu schwitzen — paradoxerweise ein katastrophales Zeichen, weil die wichtigste Kühlung ausfällt. Die Haut wird heiß und trocken. Der Puls rast über 60, die Atmung ist hechelnd, und manche Pferde beginnen zu taumeln oder zeigen Koordinationsstörungen. Muskelzittern, glasige Augen, fehlendes Reaktionsvermögen — das ist der Moment, in dem jede Minute zählt. Eine Kerntemperatur über 41 Grad ist eine akute Bedrohung; über 42 Grad beginnt Organversagen.

Was viele Pferdehalter nicht wissen: Eine Studie in Frontiers in Physiology hat gezeigt, dass bei 30 Prozent der untersuchten Rennpferde die Rektaltemperatur auch nach einer Erholungsphase von durchschnittlich 40 Minuten noch über 39 Grad lag. Das bedeutet: Selbst wenn ein Pferd nach der Arbeit ruhig dasteht, kann der Körper innen noch kochen. Sich auf den äußeren Anschein zu verlassen, ist deshalb ein Fehler. Messen Sie. Mit einem digitalen Rektalthermometer, das kostet zehn Euro und kann ein Leben retten.

Ich empfehle meinen Kunden eine einfache Regel: Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Pferd überhitzt, messen Sie drei Werte — Puls, Atemfrequenz, Temperatur. Liegen zwei von drei deutlich über der Norm, handeln Sie sofort. Warten Sie nicht, bis das Pferd taumelt.

Erste Hilfe bei Hitzschlag — Schritt für Schritt

Ein Pferd steht vor Ihnen, die Atmung ist flach und schnell, die Haut brennt, die Koordination wackelt. Sie haben den Tierarzt angerufen — aber bis er kommt, vergehen 20 bis 45 Minuten. Was tun Sie in dieser Zeit? Die Antwort muss sitzen, denn Hitzschlag-Erste-Hilfe ist keine Situation für Improvisation.

Erster Schritt: Stoppen Sie jede Bewegung sofort. Kein Führen in den Stall, kein Umstellen, kein „schnell mal in den Schatten bringen“, wenn der Schatten 200 Meter entfernt ist. Jeder zusätzliche Schritt produziert Wärme. Wenn Schatten in unmittelbarer Nähe ist — zehn, fünfzehn Meter — bringen Sie das Pferd dorthin. Sonst bleibt es stehen, wo es steht.

Zweiter Schritt: Kühlen mit Wasser. Hier kursiert ein hartnäckiger Mythos: Man dürfe kein kaltes Wasser auf ein heißes Pferd gießen, weil sonst die Muskeln verkrampfen oder der Kreislauf kollabiert. Das ist falsch. Die Forschung ist eindeutig — kaltes Wasser kühlt schneller und wirksamer als lauwarmes, und es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für Muskelschäden durch kaltes Wasser bei überhitzten Pferden. Gießen Sie Wasser aus dem Schlauch, aus Eimern, aus allem, was verfügbar ist, großflächig über den gesamten Körper. Konzentrieren Sie sich auf die großen Blutgefäße: Hals, Brust, Innenseite der Hinterbeine. Hören Sie nicht auf — gießen, abstreifen, wieder gießen. Das Abstreifen ist wichtig, weil aufgewärmtes Wasser auf der Haut isolierend wirkt.

Dritter Schritt: Ventilation. Wenn ein Ventilator verfügbar ist, stellen Sie ihn auf. Wind beschleunigt die Verdunstung und damit die Kühlung erheblich. Auf einem Turnierplatz reicht manchmal schon ein offenes Stallzelt, durch das der Wind zieht. In einer geschlossenen Box ohne Luftbewegung ist die Kühlwirkung des Wassers dagegen deutlich reduziert.

Vierter Schritt: Kleine Mengen Wasser anbieten, aber nicht erzwingen. Ein überhitztes Pferd, das trinkt, kühlt sich auch von innen. Bieten Sie handwarmes Wasser in einem Eimer an, lassen Sie das Pferd in eigenem Tempo trinken. Die alte Regel, ein heißes Pferd dürfe nicht trinken, ist ebenso überholt wie die Angst vor kaltem Wasser.

Fünfter Schritt: Messen und dokumentieren. Notieren Sie Puls, Atemfrequenz und Rektaltemperatur alle fünf Minuten, bis der Tierarzt eintrifft. Diese Verlaufsdaten sind für den Veterinär Gold wert — sie zeigen, ob die Kühlung wirkt oder ob der Zustand sich verschlechtert. Wenn die Temperatur trotz aktiver Kühlung nicht innerhalb von 15 Minuten um mindestens ein halbes Grad sinkt, ist das ein schlechtes Zeichen.

Was Sie nicht tun sollten: Keine Abschwitzdecke auflegen — die ist für verschwitzte, aber nicht überhitzte Pferde. Kein Eis direkt auf Muskeln packen, denn das kann lokale Vasokonstriktion auslösen und die Kühlung paradoxerweise behindern. Und kein Warten auf „das legt sich schon“ — bei echtem Hitzschlag legt sich nichts von allein.

WBGT und Heat Index — Hitzestress messen statt schätzen

Einer der häufigsten Fehler in der Pferdehaltung ist die Fixierung auf das Thermometer. 32 Grad bei 30 Prozent Luftfeuchtigkeit — das ist unangenehm, aber für die meisten Pferde beherrschbar. 28 Grad bei 85 Prozent Luftfeuchtigkeit — das ist potenziell lebensbedrohlich. Der Unterschied liegt nicht in der Temperatur, sondern in der Fähigkeit der Luft, Feuchtigkeit aufzunehmen. Und genau dafür gibt es den WBGT-Index.

WBGT steht für Wet Bulb Globe Temperature und kombiniert drei Messgrößen: die Lufttemperatur, die Luftfeuchtigkeit (über die Feuchttemperatur) und die Strahlungswärme der Sonne. Das Ergebnis ist eine einzige Zahl, die den tatsächlichen Hitzestress besser abbildet als jedes Thermometer allein. Für Pferde zeigt die Forschung einen klaren Schwellenwert: Ab einem WBGT über 28 Grad steigt das Risiko einer Hitzeerkrankung signifikant um 28,5 Prozent im Vergleich zu moderaten Bedingungen. Dieser Wert stammt aus einer systematischen Auswertung von Rennpferden, aber das Prinzip gilt für jedes arbeitende Pferd.

In der Praxis verwende ich eine vereinfachte Faustformel für Kunden, die keinen WBGT-Sensor besitzen: Addieren Sie die Temperatur in Grad Fahrenheit und die relative Luftfeuchtigkeit in Prozent. Das Ergebnis ist der sogenannte Heat Index. US Equestrian — der amerikanische Reitsportverband — empfiehlt, Veranstaltungen ab einem Heat Index über 180 zu verschieben oder abzusagen. Das entspricht zum Beispiel 95 Grad Fahrenheit bei 85 Prozent Luftfeuchtigkeit, oder umgerechnet 35 Grad Celsius bei 85 Prozent. In Deutschland erreichen wir solche Werte selten, aber Kombination aus 30 Grad und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit — also ein Heat Index von 156 — rechtfertigt bereits eine deutliche Reduktion der Trainingsintensität.

Wer es genauer wissen will, findet WBGT-Daten mittlerweile über kostenlose Wetter-Apps und Online-Rechner. Einige Wetterstationen im Reitsportbereich zeigen den Wert direkt an. Ich rate jedem Stallbetreiber, den WBGT an heißen Tagen morgens zu prüfen und die Trainingsplanung daran auszurichten — nicht an der gefühlten Temperatur. Der WBGT unterscheidet nicht zwischen dem Gefühl „es ist warm“ und dem Fakt „es ist gefährlich“. Genau das macht ihn wertvoll.

Hitzschlag vorbeugen — 9 Maßnahmen für heiße Tage

Jeder Hitzschlag, den ich in neun Jahren Beratung erlebt habe, war vermeidbar. Nicht durch Glück, sondern durch Vorbereitung. Die folgenden neun Maßnahmen klingen einzeln nicht spektakulär, aber in Kombination senken sie das Risiko auf ein Minimum.

Erstens: Trainingszeiten verschieben. Die einfachste Maßnahme ist zugleich die wirkungsvollste. An Tagen mit Temperaturen über 30 Grad gehört intensive Arbeit in die frühen Morgenstunden — vor 8 Uhr — oder in den späten Abend nach 19 Uhr. Die Mittagshitze zwischen 12 und 16 Uhr ist für Belastung tabu, und das gilt ausnahmslos.

Zweitens: Wasserversorgung sicherstellen. Ein 600 Kilogramm schweres Pferd trinkt an normalen Tagen 20 bis 30 Liter, bei starker Hitze steigt der Bedarf auf 40 bis 80 Liter. Das ist eine enorme Menge, und sie muss verfügbar sein — nicht nur im Stall, sondern auch auf dem Paddock und auf der Weide. Selbsttränken müssen bei Hitze täglich auf Funktion geprüft werden, weil ein einziger Tag ohne ausreichende Wasseraufnahme den Weg zum Hitzschlag ebnet.

Drittens: Schatten bereitstellen. Bäume, Unterstände, Sonnensegel — alles, was direkte Sonneneinstrahlung reduziert, senkt die Wärmelast messbar. Ein Unterstand auf dem Paddock ist kein Luxus, sondern Grundausstattung.

Viertens: Ventilation im Stall verbessern. Stehende Luft in einer geschlossenen Stallgasse ist an heißen Tagen eine Wärmefalle. Großflächig öffnen, Querlüftung ermöglichen, notfalls mit industriellen Ventilatoren nachhelfen.

Fünftens: Intensität der Arbeit anpassen. Nicht nur die Uhrzeit, sondern auch die Art der Arbeit muss sich ändern. Statt Galopparbeit und Springtraining an heißen Tagen leichte Schritt- und Trabarbeit. Intervalle kürzen, Pausen verlängern, auf Signale des Pferdes achten.

Sechstens: Akklimatisierung ernst nehmen. Pferde, die schrittweise an höhere Temperaturen gewöhnt werden, tolerieren Hitze deutlich besser. Eine Studie aus dem Jahr 2024, veröffentlicht in Physiological Reports, hat gezeigt, dass dreiwöchige Akklimatisierung bei WBGT-Werten von 29 bis 30 Grad das Schlagvolumen des Herzens erhöht und die Laufzeit bis zur Erschöpfung verlängert. Das ist kein theoretischer Vorteil — das ist messbare Anpassung, die funktioniert.

Siebtens: Nach der Arbeit aktiv kühlen. Nicht warten, bis das Pferd von allein aufhört zu schwitzen. Sofort abspritzen, abstreifen, wieder abspritzen. In den ersten zehn Minuten nach der Arbeit ist die Wärmeproduktion am höchsten.

Achtens: Elektrolyte gezielt einsetzen. Pferde verlieren über den Schweiß große Mengen an Natrium, Chlorid und Kalium. Ein Salzleckstein deckt den Grundbedarf, aber bei intensiver Arbeit an heißen Tagen reicht er nicht. Elektrolytpräparate im Futter oder Wasser gleichen den Verlust gezielt aus.

Neuntens: Transport bei Hitze vermeiden. Ein Pferdeanhänger in der Sonne wird innerhalb von zwanzig Minuten zum Backofen. Transporte an heißen Tagen nur früh morgens oder spät abends, mit offenen Lüftungsklappen und Wasserpause alle 90 Minuten.

Alle neun Maßnahmen haben eines gemeinsam: Sie erfordern Planung, nicht Reaktion. Wer erst bei 35 Grad anfängt, über Schatten und Wasserversorgung nachzudenken, ist zu spät dran. Ein solides Hitzemanagement beginnt im Frühjahr — mit der Prüfung der Infrastruktur, der Planung der Sommerweidezeiten und einem ehrlichen Blick auf die Frage, ob der eigene Stall für extreme Hitze gerüstet ist. Eine umfassende Übersicht über saisonale Risiken und Managementstrategien finden Sie im Leitartikel zu Wetter und Pferd.

Anhidrose, dunkles Fell und ältere Pferde — besondere Risiken

Nicht jedes Pferd reagiert gleich auf Hitze, und manche tragen ein Risiko mit sich, das von außen unsichtbar ist. Drei Gruppen verdienen besondere Aufmerksamkeit.

Pferde mit Anhidrose — dem vollständigen oder teilweisen Verlust der Schweißfähigkeit — sind in akuter Lebensgefahr, sobald die Temperaturen steigen. Ohne Schweiß gibt es keine Verdunstungskühlung, und ohne Verdunstungskühlung steigt die Kerntemperatur unkontrolliert. Genetische Marker rund um das Gen KCNE4 sind nachweislich mit chronischer Anhidrose assoziiert. Die Störung betrifft vor allem Pferde, die in tropische oder subtropische Regionen verbracht werden, aber auch in Deutschland tauchen Fälle auf, besonders bei importierten Pferden. Wenn Ihr Pferd an heißen Tagen auffällig trocken bleibt, während andere schweißnass sind, ist das kein Zeichen von Fitness — es ist ein Alarmsignal, das eine veterinärmedizinische Abklärung erfordert.

Dunkles Fell, wie schon beschrieben, absorbiert doppelt so viel Sonnenstrahlung wie helles. Für Rappen und Dunkelbraune bedeutet das eine konstante zusätzliche Wärmelast bei direkter Sonne. Die Lösung ist nicht kompliziert — Schatten, reduzierte Sonnenexposition, Arbeit in den Randstunden — aber sie muss konsequent umgesetzt werden. Ich habe Stallbetreiber erlebt, die ihre Rappen und Füchse zur gleichen Zeit auf denselben Paddock stellen und sich wundern, warum der Rappe als Erster Probleme zeigt. Die Physik ist eindeutig; das Management muss folgen.

Ältere Pferde ab etwa 18 bis 20 Jahren haben häufig einen verlangsamten Stoffwechsel und eine eingeschränkte Kreislaufregulation. Ihre Fähigkeit, die Blutgefäße der Haut zu erweitern und Wärme abzutransportieren, nimmt ab. Pferde mit Cushing-Syndrom — einer häufigen Erkrankung bei Senioren — tragen oft ein ungewöhnlich dichtes oder langes Fell, selbst im Sommer, was die Wärmeabgabe zusätzlich behindert. Für diese Pferde gelten strengere Grenzen: weniger Belastung, mehr Schatten, früheres Eingreifen. Ein Senior, der in der Mittagssonne auf einer schattenlosen Weide steht, ist ein Pferd in Gefahr.

Was alle drei Gruppen verbindet: Die normale Faustformel „ab 30 Grad aufpassen“ greift für sie zu kurz. Anhidrotische Pferde, Dunkelfarbige und Senioren brauchen individuelle Schwellenwerte, die niedriger liegen als für gesunde Pferde mittleren Alters. Wer ein solches Pferd besitzt, sollte mit dem Tierarzt ein persönliches Hitzeprotokoll erstellen — mit konkreten Temperaturwerten, ab denen bestimmte Maßnahmen greifen.

Häufig gestellte Fragen

Ab welcher Temperatur droht einem Pferd ein Hitzschlag?

Die reine Lufttemperatur ist nur ein Teil der Gleichung. Entscheidend ist die Kombination aus Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Arbeitslast. Als Richtwert gilt: Ab einem WBGT-Wert von 28 Grad Celsius oder einer Lufttemperatur von 33 Grad bei gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit steigt das Risiko erheblich. Für ältere Pferde, dunkle Fellfarben und Pferde mit Anhidrose liegen die Grenzen niedriger. Messen Sie im Zweifel die Rektaltemperatur — ab 40 Grad Celsius unter Belastung oder 39,5 Grad in Ruhe besteht Handlungsbedarf.

Kann ein Pferd nach einem Hitzschlag wieder vollständig belastet werden?

Das hängt von der Schwere des Hitzschlags ab. Bei milder Überhitzung, die schnell behandelt wird, erholen sich die meisten Pferde innerhalb weniger Tage vollständig. Bei schwerem Hitzschlag mit Temperaturen über 42 Grad oder Organschäden kann die Erholung Wochen bis Monate dauern, und bleibende Schäden an Nieren oder Muskulatur sind möglich. Ein Pferd nach einem schweren Hitzschlag sollte erst nach tierärztlicher Freigabe und einer schrittweisen Wiederaufnahme des Trainings belastet werden.

Kann ein Pferd einen Sonnenstich ohne Hitzschlag bekommen?

Ja. Ein Sonnenstich betrifft primär den Kopf und das Gehirn durch direkte Sonneneinstrahlung, ohne dass die gesamte Körpertemperatur kritisch ansteigen muss. Symptome sind Unruhe, Taumeln, Kopfschütteln und im schlimmsten Fall Krampfanfälle. Pferde mit wenig Stirnhaar oder heller Stirnpartie sind besonders anfällig. Ein Sonnenstich kann in einen Hitzschlag übergehen, wenn die Sonnenexposition anhält und die Kühlung nicht ausreicht.

Welche Rolle spielen Elektrolyte bei der Hitzevorsorge?

Pferde verlieren über den Schweiß große Mengen an Natrium, Chlorid und Kalium — deutlich mehr als Menschen pro Liter Schweiß. Bei leichter Arbeit und moderaten Temperaturen reicht ein Salzleckstein als Grundversorgung aus. Bei intensiver Arbeit an heißen Tagen oder bei Turnieren sollten Elektrolytpräparate gezielt eingesetzt werden, um den Verlust auszugleichen. Wichtig: Elektrolyte immer mit ausreichend Wasser geben, da sie sonst die Magenschleimhaut reizen und den Durst paradoxerweise reduzieren können.

Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.