Wetter und Pferd — Wie Hitze, Kälte und Wetterumschwünge die Gesundheit Ihres Pferdes beeinflussen
Von Pferdeklima-Analyst

Inhaltsverzeichnis
- Warum das Wetter über die Gesundheit Ihres Pferdes entscheidet
- Wetter und Pferdegesundheit — die wichtigsten Fakten auf einen Blick
- Thermoregulation beim Pferd — die biologische Klimaanlage
- Hitzestress — warum Pferde schneller überhitzen als Menschen
- Kältestress — wann Pferde wirklich frieren
- Wetterumschwung und Kreislauf — was bei Druckwechseln passiert
- Kolik und Wetter — was die Forschung wirklich zeigt
- Vier Jahreszeiten, vier Risikoprofile — ein Überblick
- Gewitter und Blitzschlag — die unterschätzte Gefahr
- Stallmanagement bei Extremwetter — Grundregeln
- Klimawandel und Pferdehaltung — ein Ausblick
- Häufig gestellte Fragen
Warum das Wetter über die Gesundheit Ihres Pferdes entscheidet
Im Januar 2022 stand ich morgens um sechs in einem Offenstall bei Münster und schaute einem zwanzigjährigen Trakehner-Wallach dabei zu, wie er bei minus zwölf Grad seelenruhig sein Heu fraß. Kein Zittern, kein eingeklemmter Schweif, kein Zeichen von Unbehagen. Drei Boxen weiter lag eine siebenjährige Warmblutstute flach in der Einstreu — Kolik, zweiter Anfall in drei Wochen, beide Male nach abruptem Temperaturwechsel. In dieser Nacht habe ich endgültig verstanden: Wetter ist kein Smalltalk-Thema für Pferdehalter. Es ist ein Gesundheitsfaktor, der über Wohl und Wehe eines 600-Kilo-Tieres entscheiden kann.
Seit neun Jahren analysiere ich die Schnittstelle zwischen Klima und Pferdegesundheit — saisonale Risiken, Thermoregulation, wetterbedingte Managementfehler. Was mich dabei immer wieder erstaunt: Die meisten Pferdebesitzer verlassen sich auf Bauchgefühl, obwohl es längst belastbare Daten gibt. Daten, die zeigen, dass Pferde ein Überhitzungsrisiko haben, das drei- bis zehnmal höher liegt als beim Menschen. Daten, die den Zusammenhang zwischen Jahreszeit und Kolikrate beziffern. Daten, die konkret benennen, in welchem Temperaturkorridor der Stoffwechsel eines Pferdes am effizientesten arbeitet.
In Deutschland leben rund 1,3 Millionen Pferde bei etwa 900.000 privaten Haltern. Die allermeisten dieser Halter — über 80 Prozent der FN-Mitglieder sind Frauen und Mädchen — investieren Tausende von Euro pro Jahr in Futter, Hufpflege und Tierarztkosten. Doch wenn ich frage, ob sie wissen, wo die thermoneutrale Zone ihres Pferdes liegt, ernte ich Stirnrunzeln. Diese Zone — der Temperaturbereich von minus 15 bis plus 25 Grad Celsius, in dem der Pferdestoffwechsel ohne zusätzlichen Energieaufwand funktioniert — ist das Fundament, auf dem jede Wetterentscheidung ruhen sollte.
Dieser Artikel versammelt, was ich in neun Jahren gesammelt, geprüft und in der Praxis getestet habe: physiologische Grundlagen, Forschungsergebnisse aus Fachzeitschriften, Expertenstimmen aus der Pferdemedizin und konkrete Handlungsempfehlungen für jede Jahreszeit. Er ist der Ausgangspunkt für alle weiterführenden Themen auf Stallklima — von Hitzschlag über Kolik und Wetter bis zur Wetterfühligkeit. Mein Ziel: Dass Sie nach der Lektüre Wetter nicht mehr als unkontrollierbare Naturgewalt sehen, sondern als einen Faktor, den Sie managen können.
Wetter und Pferdegesundheit — die wichtigsten Fakten auf einen Blick
- Die thermoneutrale Zone des Pferdes liegt bei minus 15 bis plus 25 Grad Celsius — außerhalb dieses Bereichs steigt der Energieaufwand für die Temperaturregulation.
- Pferde überhitzen 3- bis 10-mal schneller als Menschen. Der WBGT-Index ist ein zuverlässigeres Maß als die Lufttemperatur allein.
- Die Kolikrate ist im Sommer 85 Prozent und im Herbst 72 Prozent höher als im Winter. Nicht das Wetter selbst, sondern die damit verbundenen Managementänderungen sind der Hauptfaktor.
- Blitzschlag ist für Pferde wegen der Schrittspannung besonders gefährlich — bei Gewitterwarnung gehören Pferde in den Stall.
- Stabiles Management schlägt panisches Reagieren: Wasserversorgung prüfen, Heuration an Kälte anpassen, Futterumstellungen einschleichen, Ventilation im Stall ganzjährig sicherstellen.
Thermoregulation beim Pferd — die biologische Klimaanlage
Vor ein paar Jahren habe ich auf einem Seminar in Warendorf einen Tierphysiologen gefragt, was das Beeindruckendste an der Pferdethermoregulation sei. Seine Antwort: „Dass ein 600-Kilo-Tier seine Kerntemperatur auf ein halbes Grad genau steuert — bei Außentemperaturen von minus 20 bis plus 35.“ Seitdem denke ich an den Pferdekörper als biologische Klimaanlage. Und wie jede Klimaanlage hat auch diese einen optimalen Betriebsbereich, Leistungsgrenzen und Ausfallszenarien.
Thermoneutrale Zone — der Temperaturbereich, in dem ein Pferd seine Körpertemperatur ohne zusätzlichen Energieaufwand halten kann. Beim erwachsenen Pferd liegt diese Zone zwischen minus 15 und plus 25 Grad Celsius.

Innerhalb dieser Zone arbeitet der Stoffwechsel am effizientesten. Die normale Körpertemperatur eines Pferdes liegt bei 37,5 bis 38,5 Grad Celsius, der Ruhepuls zwischen 24 und 48 Schlägen pro Minute, die Atemfrequenz bei 8 bis 16 Zügen. Diese Werte sind Ihre Referenz — jede Abweichung nach oben oder unten erzählt eine Geschichte über den thermoregulatorischen Zustand Ihres Pferdes.
Körpertemperatur
37,5–38,5 °C (rektal, in Ruhe)
Ruhepuls
24–48 Schläge/min
Atemfrequenz
8–16 Züge/min
Thermoneutrale Zone
-15 °C bis +25 °C
Aber was passiert, wenn die Außentemperatur diese Zone verlässt? Der Pferdekörper verfügt über vier Mechanismen der Wärmeabgabe und drei der Wärmekonservierung. Steigt die Temperatur, weiten sich die hautnahen Blutgefäße — ein Prozess, den die Physiologie als Vasodilatation bezeichnet. Mehr Blut strömt an die Oberfläche, mehr Wärme wird über Konvektion und Strahlung an die Umgebung abgegeben. Parallel beginnt das Pferd zu schwitzen. Pferde gehören zu den stärksten Schwitzern im Tierreich — ein Mechanismus, der bei hoher Luftfeuchtigkeit allerdings an seine Grenzen stößt, weil der Schweiß nicht verdunsten kann.
Vasokonstriktion — das Verengen der hautnahen Blutgefäße, um Wärmeverlust zu minimieren. Der Gegenspieler der Vasodilatation und die erste Reaktion des Pferdekörpers auf Kälte.
Fällt die Temperatur unter die Komfortzone, dreht der Körper die Strategie um. Vasokonstriktion verengt die peripheren Blutgefäße, das Blut bleibt im Körperkern. Die Haare stellen sich auf — Piloerektion — und schaffen eine isolierende Luftschicht zwischen Haut und Außenwelt. Dieses Prinzip funktioniert wie eine Daunenjacke: Die Luft in der aufgestellten Fellschicht leitet Wärme schlecht und hält den Körper warm. Zusätzlich produziert der Pferdekörper aktiv Wärme — nicht nur durch Muskelzittern, sondern vor allem durch die bakterielle Fermentation im Dickdarm. Die Energiequelle dafür ist Raufutter, was erklärt, warum die Fütterung im Winter eine so zentrale Rolle für die Thermoregulation spielt.
Piloerektion — das Aufstellen der Haare zur Vergrößerung der isolierenden Luftschicht. Bei eingedeckten Pferden wird dieser Mechanismus unterdrückt.
| Zone | Temperaturbereich | Bedeutung |
|---|---|---|
| Kältestress | unter -15 °C | Energiebedarf steigt stark, Wärmeproduktion auf Maximum |
| Komfortzone | -15 °C bis +25 °C | Stoffwechsel arbeitet effizient, keine Zusatzbelastung |
| Hitzestress (mild) | +25 °C bis +30 °C | Schwitzen und Vasodilatation aktiv, erhöhter Flüssigkeitsbedarf |
| Hitzestress (akut) | über +30 °C | Kühlmechanismen an der Grenze, Überhitzungsgefahr steigt stark |
Barbara Schulte, Autorin des Standardwerks „Vom Fluchttier zum Designerpferd“, bringt es auf den Punkt: Große Kälte können Pferde besser aushalten als große Hitze. Das hat evolutionäre Gründe. Die Vorfahren unserer Hauspferde lebten in den Steppen Zentralasiens, wo Temperaturschwankungen von 50 Grad und mehr normal waren — aber extreme Hitze eher die Ausnahme. Die thermoregulatorische Ausstattung des Pferdes ist darauf optimiert, Kälte zu kompensieren, nicht Hitze zu bewältigen. Ein Detail, das ich bei jeder Hitze-Beratung als Erstes nenne, weil es die Perspektive verändert: Ihr Pferd ist kein Tropentier.
Vasodilatation — das Weiten der hautnahen Blutgefäße, um Wärme über die Körperoberfläche abzugeben. Die primäre Reaktion des Pferdekörpers auf steigende Temperaturen.
Hitzestress — warum Pferde schneller überhitzen als Menschen
Letzten Juli habe ich auf einem Turnier in Südhessen erlebt, wie eine Reiterin nach der Dressurstilprüfung ihr Pferd abgesattelt hat und erst dann merkte, dass das Tier nicht schwitzte. Kein Schweiß, kein feuchtes Fell, kein Tropfen. Die Temperatur lag bei 34 Grad, die Luftfeuchtigkeit bei 65 Prozent. Ich habe sofort den Turniertierarzt gerufen. Zwei Stunden später stand die Diagnose: beginnende Belastungshyperthermie. Das Pferd hatte eine Rektaltemperatur von 41,2 Grad. Dieser Vorfall hat mich daran erinnert, wie schnell Hitzestress eskalieren kann — und wie leicht er übersehen wird.

3- bis 10-fach
So viel höher ist das Überhitzungsrisiko eines Pferdes im Vergleich zum Menschen — bedingt durch das Verhältnis von Körpermasse zu Oberfläche und die geringere Effizienz der Schweißverdunstung bei hoher Luftfeuchtigkeit.
Warum Pferde so hitzeempfindlich sind, lässt sich physikalisch erklären. Ein 600-Kilo-Körper produziert bei Belastung enorme Wärmemengen, hat aber im Verhältnis zu seiner Masse eine relativ kleine Oberfläche, über die er diese Wärme loswerden kann. Der Hauptkühlmechanismus — Schwitzen — funktioniert nur, wenn der Schweiß verdunsten kann. Ab einer Luftfeuchtigkeit von etwa 60 Prozent sinkt die Verdunstungsrate dramatisch. Der Schweiß läuft am Körper herab, entzieht dem Pferd Flüssigkeit und Elektrolyte, kühlt aber kaum noch. Eine japanische Studie an Rennpferden hat gezeigt: Bei einem WBGT-Index über 28 Grad Celsius steigt das Risiko einer belastungsbedingten Hitzeerkrankung um 28,5 Prozent im Vergleich zu einem WBGT unter 20 Grad.
Der WBGT-Index — Wet Bulb Globe Temperature — kombiniert Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Sonnenstrahlung zu einem einzigen Wert. Er ist deutlich aussagekräftiger als die reine Lufttemperatur. Wer sich für die genaue Berechnung und Schwellenwerte interessiert, findet auf Stallklima eine vollständige Erklärung des WBGT-Index für Pferde.
Ein Pferd, das bei Hitze arbeitet, kann seine Körpertemperatur innerhalb weniger Minuten von normalen 38 auf über 40 Grad treiben. Untersuchungen an Trabrennpferden ergaben, dass bei 30 Prozent der getesteten Tiere die Rektaltemperatur auch nach einer Erholungsphase von durchschnittlich 40 Minuten noch über 39 Grad lag. Die kritische Schwelle liegt bei 42 Grad — ab dort beginnen Organschäden.
Der Flüssigkeitsbedarf explodiert unter Hitzestress. Ein 600-Kilo-Pferd trinkt normalerweise 20 bis 30 Liter am Tag, bei starker Hitze bis zu 80 Liter. Die Wassertemperatur spielt dabei eine Rolle: Pferde bevorzugen Wasser zwischen 15 und 20 Grad und trinken bei eiskaltem Wasser deutlich weniger. Wer im Hochsommer einen schwarzen Wasserbehälter in die Sonne stellt, hat unfreiwillig ein Experiment gestartet — schwarze Flächen absorbieren doppelt so viel Sonnenstrahlung wie weiße. Bei einer Untersuchung an Zebras maßen Forscher Oberflächentemperaturen von 44 bis 56 Grad auf den schwarzen Streifen und nur 36 bis 42 Grad auf den weißen. Für Pferde mit dunklem Fell bedeutet das: noch mehr Wärmebelastung, noch höherer Flüssigkeitsverlust.
Kältestress — wann Pferde wirklich frieren
Wenn ich Pferdehaltern erzähle, dass ein gesundes, ungeschorenes Pferd bei minus 15 Grad draußen stehen kann, ohne zu frieren, sehe ich regelmäßig Unglauben. Der Reflex, die Decke aufzulegen, sobald das Thermometer unter null fällt, sitzt tief. Dabei zeigt ein Blick in die Physiologie: Der Pferdekörper ist für Kälte gebaut, nicht dagegen. Das Problem beginnt erst, wenn wir Menschen in dieses System eingreifen.

75 Prozent der metabolischen Energie eines Pferdes fließen im Winter in die Wärmeproduktion. Das klingt nach Verschwendung, ist aber ein hocheffizienter Prozess: Der größte Teil dieser Wärme entsteht als Nebenprodukt der bakteriellen Fermentation von Raufutter im Dickdarm. Jedes Kilogramm Heu, das ein Pferd frisst, heizt den Körper von innen — ein Grund, warum erfahrene Stallmanager bei Kälteeinbrüchen nicht das Kraftfutter, sondern die Heuration erhöhen. Kraftfutter liefert schnelle Energie, aber wenig Fermentationswärme. Heu ist die Heizung.
Die isolierende Wirkung des Winterfells basiert auf dem Prinzip der eingeschlossenen Luft. Aufgestellte Haare schaffen eine Luftschicht, die Wärme schlecht leitet — ähnlich wie doppelt verglaste Fenster. Wird das Fell durch Regen oder eine Decke plattgedrückt, bricht diese Isolation zusammen. Ein nasses Pferd bei plus fünf Grad kann stärker frieren als ein trockenes Pferd bei minus zehn.
Nicole Maier, Pferdeosteopathin und Dozentin an der Akademie für Tierheilkunde, sieht in der wohlgemeinten Decke ein häufig unterschätztes Problem: Bei eingedeckten Pferden ist der Stoffwechsel generell anfälliger — sie können praktisch nicht mehr natürlich auf das Wetter reagieren. Das Winterfell wird dünner, die Piloerektion funktioniert unter der Decke nicht, und der Körper verlernt, seine eigene Thermoregulation hochzufahren. Ich sage nicht, dass Decken grundsätzlich falsch sind — geschorene Pferde, alte Tiere mit Gewichtsproblemen, Pferde mit Cushing brauchen sie. Aber das reflexhafte Eindecken eines gesunden Robusten bei null Grad ist kontraproduktiv.
Nordpferde und Robustpferde
Isländer, Fjordpferde, Norweger: dichtes Doppelfell, kompakter Körperbau, hohe Kältetoleranz. Typische untere Komfortgrenze bei minus 20 bis minus 30 Grad. Dafür bei Sommerhitze über 25 Grad schnell im Stress — das dichte Fell, das im Winter schützt, wird im Sommer zur Last.
Wüstenpferde und Warmblüter
Araber, Berber, Vollblüter: feines Fell, große Körperoberfläche im Verhältnis zur Masse, effiziente Wärmeabgabe. Hitzetoleranter, aber kälteanfälliger. Untere Komfortgrenze oft schon bei minus 5 bis minus 10 Grad. Im deutschen Winter häufig auf Decken angewiesen.
Ein Aspekt, den ich lange unterschätzt habe, betrifft die Atemwege. Dr. David Marlin, einer der profiliertesten Pferdephysiologen weltweit, hat nachgewiesen, dass Training in kalter Luft auf Pferde denselben Effekt hat wie auf Menschen — und dass sogar bei Temperaturen um vier bis fünf Grad bereits eine erhöhte Zahl an Entzündungszellen in den Atemwegen messbar war. Das heißt nicht, dass Sie im Winter nicht reiten sollten. Es heißt, dass die Aufwärmphase länger dauern muss, die Intensität angepasst werden sollte und Training bei minus zehn Grad und Windchill kein Kavaliersdelikt ist.
Wann ein Pferd wirklich friert, erkennen Sie nicht an der Temperatur allein, sondern an der Kombination aus Nässe, Wind und Temperatur. Ein trockenes Pferd bei minus 15 Grad ist in der Regel gelassen. Ein nasses Pferd bei plus 5 Grad und Wind kann in echte Schwierigkeiten geraten. Deshalb ist die Frage „Soll ich eindecken?“ immer eine Mehrvariablen-Gleichung — und niemals eine Temperatur-Tabelle.
Wetterumschwung und Kreislauf — was bei Druckwechseln passiert
Es gibt diesen Moment im Herbst, wenn innerhalb von 24 Stunden die Temperatur um 15 Grad fällt und der Luftdruck wie ein Stein absackt. In meiner Beratungspraxis sind das die Tage, an denen das Telefon nicht stillsteht. Pferd apathisch, Pferd will nicht fressen, Pferd liegt auffällig viel. Die Besitzer beschreiben Symptome, die sich wie ein Kreislaufproblem lesen — und genau das sind sie häufig auch.
Barometrischer Druckwechsel wirkt auf den Pferdekörper über mehrere Wege gleichzeitig: Die Gasverteilung im Darm verändert sich, die Blutgefäßspannung reagiert auf den veränderten Außendruck, und die Baroreceptoren — Sensoren in den Gefäßwänden, die den Blutdruck messen — senden Signale ans Nervensystem, die Kreislaufanpassungen auslösen. Gesunde Pferde kompensieren das problemlos. Pferde mit Vorbelastungen — Alter, chronische Erkrankungen, eingeschränkte Bewegung — geraten ins Straucheln.
Nicole Maier formuliert es vorsichtig: Es ist schwierig, eine allgemeingültige Aussage über Wetterfühligkeit bei Pferden zu treffen. Und sie hat recht. Die Forschungslage ist nicht eindeutig, die individuellen Unterschiede enorm. Was ich in neun Jahren Praxisbeobachtung sagen kann: Es gibt Pferde, die bei jedem Tiefdruckgebiet mit Kreislaufschwäche reagieren, und es gibt Pferde, die selbst heftigste Wetterwechsel schulterzuckend ignorieren. Alter, Haltungsform und Vorerkrankungen sind die stärksten Prädiktoren — nicht die Rasse und nicht das Geschlecht.
Nicole Verhaar, Fachtierärztin für Pferdechirurgie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, beschreibt den Widerspruch zwischen klinischem Eindruck und Studienlage: Obwohl auch der Eindruck bestehe, dass bei Wetterwechseln mehr Pferde mit Kolik überwiesen würden, habe ein Einfluss des Wetters bisher in Studien nicht belegt werden können. Das ist kein Widerspruch zur Praxiserfahrung. Es bedeutet nur, dass der kausale Mechanismus — falls es ihn gibt — bisher nicht sauber isoliert werden konnte, weil Wetterwechsel gleichzeitig mit Dutzenden anderer Variablen auftreten: Futterumstellungen, Bewegungsänderungen, Stallwechsel.
Was tun? Bei akuter Kreislaufschwäche durch Druckwechsel — Apathie, schwankender Gang, kalte Ohren, verlängerte kapilläre Rückfüllzeit — gilt: Pferd bewegen lassen, nicht in die Box sperren. Leichtes Schritt-Führen regt den Kreislauf an. Warmes Wasser anbieten. Und ab einem gewissen Punkt den Tierarzt rufen, nicht den Stallnachbarn fragen.
Kolik und Wetter — was die Forschung wirklich zeigt
Koliken töten mehr Pferde als jede andere Erkrankung. Die Letalität bei Notfall-Koliken liegt bei rund sieben Prozent — das klingt überschaubar, bis man bedenkt, dass Kolik die mit Abstand häufigste Todesursache bei Pferden ist. Und seit Jahrzehnten hält sich unter Pferdehaltern die Überzeugung, dass Wetter ein Auslöser sein kann. „Kolikwetter“ — den Begriff kennt jeder, der länger als zwei Jahre ein Pferd besitzt. Aber was sagt die Forschung?

2,5-fach
Um diesen Faktor steigen laut einer Analyse der University of Delaware die Kolik-Chancen pro Zoll Abfall des barometrischen Drucks. Allerdings: Eine größere Folgestudie konnte diesen Zusammenhang statistisch nicht bestätigen.
Die Datenlage ist widersprüchlich, und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick. Justine Cianci von der University of Delaware hat den Zusammenhang zwischen Wetter und Kolik in zwei Arbeiten untersucht. In ihrer Thesis von 2018, basierend auf Daten des New Bolton Center, fand sie eine statistisch signifikante Korrelation: Für jeden Rückgang des barometrischen Drucks um einen Zoll Quecksilber stiegen die Kolik-Chancen um den Faktor 2,5. Das war ein starkes Signal. In der Folgestudie von 2021, erweitert auf 3.108 Fälle über zwölf Jahre am selben Zentrum, war der Druckeffekt allerdings nicht mehr statistisch signifikant — der P-Wert lag bei 0,1.
Was die Studie von 2021 dagegen mit hoher Signifikanz zeigte: Saisonale Muster. Die Wahrscheinlichkeit einer Kolik-Diagnose war im Sommer um 85 Prozent höher als im Winter, im Herbst um 72 Prozent, im Frühling um 29 Prozent. Außerdem spielten Rasse und Geschlecht eine Rolle — Quarter Horses hatten ein um 32 Prozent niedrigeres Risiko als Vollblüter und Araber, Hengste ein um 48 Prozent geringeres Risiko als Stuten. Kalifornische Daten aus einer Studie von Bouton und Kollegen zeigten 2023 bei 3.071 Notfällen einen ähnlichen Trend: Mehr Einweisungen an heißen Tagen und bei plötzlichen Druckabfällen.
Dr. David Marlin, Physiologe und Biochemiker, fasst die Studienlage so zusammen: Management — nicht Wetter — sei der größte Risikofaktor für Koliken. Das deckt sich mit einem systematischen Review von Curtis und Kollegen aus 2019, der 58 Studien auswertete und 22 Risikofaktoren identifizierte. Die stärksten Prädiktoren waren Futterumstellungen und Veränderungen in der Haltung — also genau die Dinge, die bei Wetterwechseln häufig gleichzeitig passieren. Sarah Freeman und ihre Koautoren bringen den Mechanismus auf den Punkt: Eine Änderung der Unterbringung könne auch mit einer Änderung des Futters und der Bewegung verbunden sein, weshalb eine Wechselwirkung zwischen diesen Faktoren wahrscheinlich sei.
Sofort den Tierarzt rufen, wenn: Ihr Pferd sich wiederholt zum Bauch umsieht, scharrt, hinlegt und wieder aufsteht, nicht frisst, keinen Kot absetzt oder einen Puls über 60 Schläge pro Minute hat. Bei Kolik zählen Minuten, nicht Stunden.
Mein Fazit aus neun Jahren Beschäftigung mit diesem Thema: Wetter ist ein Begleitfaktor, kein Haupttäter. Es erhöht das Risiko, indem es Managementfehler wahrscheinlicher macht — weniger Bewegung bei Matsch, abrupte Stallwechsel bei Kälteeinbruch, veränderte Wasseraufnahme bei Hitze. Wer sein Management stabil hält, reduziert das wetterbedingte Kolikrisiko erheblich. Wer beim ersten Herbststurm panisch die Haltung umstellt, erhöht es.
Vier Jahreszeiten, vier Risikoprofile — ein Überblick
Jede Jahreszeit bringt ihr eigenes Risikoprofil mit, und in jeder stecken Überraschungen. Ein italienisches Forschungsteam der Universität Mailand hat bei Pferden in offener Haltung den Cortisolgehalt im Haar gemessen — ein Marker für chronischen Stress, der nicht den Tagesstress, sondern die Belastung über Wochen abbildet. Ergebnis: Die höchsten Stresswerte im Sommer und Herbst, die niedrigsten im Frühling. Wetter stresst Pferde messbar — und zwar saisonal unterschiedlich.
Im Folgenden habe ich die vier Jahreszeiten und ihre typischen Risiken zusammengefasst. Die Kolik-Odds-Ratios stammen aus der Penn-Vet-Studie von Cianci und Kollegen — sie zeigen, wie stark das Risiko im Vergleich zum Winterreferenzwert steigt. Diese Daten sind keine Theorie, sondern Auswertungen von über 3.000 dokumentierten Fällen.
Frühling
Temperatursprünge zwischen Nachtfrost und Mittagshitze fordern den Kreislauf. Die Kolikrate steigt um 29 Prozent gegenüber dem Winter. Der Fellwechsel bindet Energie und Nährstoffe. Anweiden birgt das Risiko der Aufgasungskolik durch fruktanreiches Gras. Pollen und feuchte Luft belasten die Atemwege.
Sommer
Höchstes saisonales Kolikrisiko: plus 85 Prozent gegenüber dem Winter. Hitzestress, Dehydrierung und Elektrolytverluste durch Schwitzen. Sonnenbrandgefahr bei depigmentierten Stellen. Insektendruck erhöht den Stresslevel. Stickige Ställe ohne Ventilation werden zur Falle.
Herbst
Zweithöchstes Kolikrisiko: plus 72 Prozent gegenüber dem Winter. Abrupte Temperaturstürze, Stallwechsel und Futterumstellungen fallen oft zusammen. Der Fellwechsel zum Winterfell kostet Energie. Dauerregen und Matsch begünstigen Mauke und Strahlfäule. Frühe Dunkelheit reduziert die Bewegungszeit.
Winter
Statistisch die geringste Kolikrate — aber nicht ohne Risiken. Kalte Luft reizt die Atemwege, besonders bei intensivem Training. Eis und Frost erschweren die Wasseraufnahme — Pferde trinken bei Eiswasser weniger. Rutschige Böden erhöhen die Verletzungsgefahr. Mangelnde Bewegung in der Box begünstigt Verdauungsprobleme.
Was diese Aufstellung nicht zeigt: Die Übergänge zwischen den Jahreszeiten sind oft riskanter als die Jahreszeiten selbst. Der Wechsel von Sommer zu Herbst — wenn die Temperaturen fallen, die Haltung umgestellt wird und der Fellwechsel gleichzeitig Energie kostet — ist die Phase, in der ich in meiner Beratung die meisten Probleme sehe. Nicht der stabile Januar oder der konstant heiße Juli bereiten die größten Schwierigkeiten, sondern der unberechenbare Oktober, in dem Nachtfrost und Mittagswärme, Stallwechsel und Futterumstellung zusammenfallen. Wer seinen Kalender so plant, dass er in diesen Übergangsphasen besonders aufmerksam hinschaut, hat bereits die halbe Arbeit getan.
Wetterumschwünge — vor allem Kaltfronten und gefrorenes Tränkwasser — senken die Wasseraufnahme und erhöhen das Risiko einer Verstopfungskolik. Dies ist ein Präventions- und Awareness-Tool, keine Diagnose. Bei Kolik-Anzeichen (Scharren, Wälzen, Flankenblick, kein Kotabsatz) sofort Tierarzt/Tierärztin.
Im Winter trinken Pferde von Natur aus weniger — der häufigste Auslöser der Verstopfungskolik. Wasser um 5–15 °C wird deutlich lieber angenommen als eiskaltes. Faustwert ~5 L pro 100 kg/Tag, bei viel Heu mehr. Näherung, kein Ersatz für den Blick aufs Tier.
Die saisonalen Risiken sind vorhersehbar — und genau das macht sie managebar. Wer die typischen Gefahren seiner Haltungsform kennt, kann ihnen vorgreifen, statt hinterherzulaufen. Bevor ich auf das praktische Management eingehe, fehlt allerdings ein Thema, das in keiner Saison vorhersehbar ist: die Gewitter.
Gewitter und Blitzschlag — die unterschätzte Gefahr
Im Sommer 2021 hat ein einziger Blitz auf einer Weide in Thüringen drei Pferde getötet. Sie standen unter einem Baum — dem höchsten Punkt der Koppel. Der Halter war zehn Minuten entfernt im Stall. Die Geschichte ging durch die Reitsportmedien und war nach zwei Wochen vergessen. Ich habe sie nicht vergessen, weil sie ein Problem illustriert, das in den Suchergebnissen zu „Wetter und Pferd“ fast nicht vorkommt: Blitzschlag ist für Pferde tödlicher als für jede andere Nutztierart.
In Deutschland ereignen sich je nach Region zwischen 10 und 35 Gewittertage pro Jahr — im Norden seltener, im Süden häufiger. Bei einem Blitzeinschlag können bis zu 100.000 Ampere fließen.
Der Grund liegt in der Anatomie. Wenn ein Blitz in den Boden einschlägt, breitet sich die Spannung ringförmig vom Einschlagpunkt aus. Die Spannungsdifferenz zwischen zwei Punkten auf dem Boden — die sogenannte Schrittspannung — steigt mit dem Abstand zwischen den Berührungspunkten. Ein Pferd hat Vorder- und Hinterbeine weit voneinander entfernt, weiter als bei jedem anderen Nutztier. Das Ergebnis: Die Schrittspannung, die durch den Körper fließt, ist enorm. Ein direkter Treffer ist fast immer tödlich, aber auch ein Einschlag im Umkreis von 30 Metern kann durch die Schrittspannung töten.
Gewitter-Sofortregeln für die Weide: Pferde bei Gewitterwarnung rechtzeitig von der Weide holen — nicht erst, wenn es blitzt. Bäume, Metallzäune und Wasserstellen sind keine Schutzräume, sondern Gefahrenquellen. Ein Unterstand aus Holz ohne Blitzableiter bietet keinen zuverlässigen Schutz. Der sicherste Ort ist ein massiver Stall oder eine Reithalle mit Blitzschutzanlage. Den vollständigen Schutzplan finden Sie im Artikel über Pferde bei Regen und Sturm.
Was mich an diesem Thema am meisten beschäftigt: Es ist vollständig vermeidbar. Gewitterwarnungen gibt der Deutsche Wetterdienst Stunden im Voraus heraus. Die DWD-WarnWetter-App ist kostenlos und zuverlässig. Trotzdem höre ich jedes Jahr von Fällen, in denen Pferde auf der Weide standen, als das Gewitter losbrach. Der Zeitaufwand, Pferde bei einer Warnstufe 2 hereinzuholen, beträgt eine halbe Stunde. Der Zeitaufwand, ein totes Pferd zu erklären — unbezahlbar.
Stallmanagement bei Extremwetter — Grundregeln
Ich habe in den letzten Jahren Hunderte von Stallkonzepten gesehen — vom High-End-Aktivstall mit automatischer Futterstation bis zur improvisierten Weidehaltung hinter dem Bauernhof. Was die besten von den schlechtesten unterscheidet, ist nicht das Budget. Es ist die Bereitschaft, das Management an die Wetterlage anzupassen, statt das ganze Jahr dasselbe Schema durchzuziehen. Pferde brauchen kein Luxushotel. Sie brauchen einen Halter, der den Wetterbericht liest und danach handelt.

Flüssigkeit ist der wichtigste Einzelfaktor. Ein Pferd, das bei Hitze 80 Liter trinken muss und nur Zugang zu einem 30-Liter-Eimer hat, wird dehydrieren. Eines, das im Winter nur Eiswasser bekommt, wird weniger trinken als nötig — und eine Verstopfungskolik riskieren. Selbstränken müssen im Winter auf Frostfreiheit geprüft werden, im Sommer auf Temperatur. Ich empfehle, mindestens einmal pro Woche die tatsächliche Trinkmenge zu schätzen: Eimer morgens füllen, abends den Reststand prüfen.
Heu als Wärmelieferant im Winter habe ich bereits erwähnt. Was in der Praxis oft schiefgeht: Die Heuration bleibt das ganze Jahr gleich, obwohl der Energiebedarf im Winter bei Offenstallhaltung um 30 bis 50 Prozent steigt. Wer im Januar dieselbe Menge füttert wie im Juli, lässt sein Pferd hungern — nicht im Bauch, sondern in der Thermoregulation. Gleichzeitig sind abrupte Futterwechsel einer der stärksten Risikofaktoren für Koliken. Jede Umstellung — ob Heuernte, neue Charge, Kraftfutterzugabe — muss über mindestens zehn Tage eingeschlichen werden. Das gilt im Herbst, wenn die Stallsaison beginnt, genauso wie im Frühling beim Anweiden.
Richtig
- Wasserversorgung täglich prüfen — Menge, Temperatur, Sauberkeit
- Heuration bei Kälteeinbruch erhöhen, nicht das Kraftfutter
- Futterumstellungen über mindestens 10 Tage einschleichen
- Wetterbericht in die Tagesplanung einbeziehen — DWD-App nutzen
- Pferde bei Wetterumschwung beobachten: Verhalten, Kotqualität, Trinkmenge
- Ventilation im Stall ganzjährig sicherstellen — auch im Winter
- Schattenplätze auf der Weide einrichten oder Weidezeiten anpassen
Falsch
- Stall bei Kälte komplett verschließen — Ammoniakbelastung steigt, Atemwege leiden
- Reflexhaft eindecken bei null Grad ohne Berücksichtigung von Fell, Rasse, Gesundheit
- Fütterung abrupt ändern, weil der Stallwechsel plötzlich nötig wurde
- Pferde bei Gewitterwarnung auf der Weide lassen
- Schwarze Wasserbehälter in der Sonne aufstellen
- Im Sommer zur Mittagshitze intensiv reiten
- Wetter als unvermeidliches Schicksal betrachten statt als managebaren Faktor
Stallventilation ist ein Kapitel für sich. Viele Pferdehalter schließen im Winter die Fenster und Türen, um es ihren Pferden „warm“ zu machen. Das Ergebnis ist ein Stall mit hoher Ammoniakkonzentration und gesättigter Luftfeuchtigkeit — zwei Faktoren, die Atemwegserkrankungen begünstigen. Dr. Marlin hat wiederholt darauf hingewiesen, dass kalte, saubere Luft für Pferdelungen besser ist als warme, belastete. Der Stall muss atmen, auch wenn es draußen friert. Die Faustregel: Wenn Sie im Stall stehen und Ihre Augen brennen, ist die Luft schlecht. Wenn Sie Ammoniak riechen, ist sie inakzeptabel.
Bewegung hängt vom Wetter ab — aber sie sollte nie ganz ausfallen. Pferde, die bei jedem Regenguss in der Box stehen, bewegen ihren Darm nicht. Und ein unbewegter Darm ist ein Kolik-Kandidat. Ich rate zu der Grundregel: Lieber zehn Minuten Schritt-Führen im Regen als acht Stunden Stillstand in der Box. Die Investition in wetterfeste Reitwege und einen matschfreien Paddock-Bereich zahlt sich schneller aus als jedes Nahrungsergänzungsmittel.
Klimawandel und Pferdehaltung — ein Ausblick
Wenn ich mit Stallbetreibern über die nächsten zehn Jahre spreche, spüre ich eine eigentümliche Mischung aus Sorge und Verdrängung. Die Daten sind eindeutig: Die Zahl der Hitzetage in Deutschland steigt, Extremwetterereignisse werden häufiger, und die Zeiträume zwischen den Wetterumschwüngen werden kürzer. Für die Pferdehaltung bedeutet das: Was heute als „Ausnahme-Sommer“ gilt, wird zur neuen Normalität.
Eine Studie aus den Physiological Reports von 2024 zeigt, dass gezielte Hitzeakklimatisierung über drei Wochen bei Temperaturen von 29 bis 30 Grad WBGT das Durchhaltevermögen und den Herzschlagvolumen von Vollblutpferden signifikant verbessert. Das bedeutet: Pferde können sich an höhere Temperaturen anpassen — aber nur, wenn man ihnen die Zeit und die Rahmenbedingungen dafür gibt.
Genetische Forschung eröffnet einen weiteren Blickwinkel. Forscher der University of Florida haben genetische Marker rund um das Gen KCNE4 identifiziert, die mit chronischer Anhidrose assoziiert sind — dem Verlust der Fähigkeit zu schwitzen. Anhidrose war lange eine Tropenkrankheit, die in Mitteleuropa keine Rolle spielte. Mit steigenden Temperaturen könnte sich das ändern. Ein Pferd, das nicht schwitzen kann, hat in einem deutschen August keine Überlebenschance im Freien.
Dr. Klaus Miesner vom Vorstand Zucht bei Pferdesport Deutschland beobachtet, dass viele Züchter angesichts gestiegener Kosten vorsichtig agieren und ihren Stutenbestand genauer prüfen als zuvor. Die Zuchtstatistik belegt das: 2025 sank die Zahl der registrierten Zuchtstuten auf 48.761, die der Fohlen auf 26.640 — ein Rückgang, der auch mit den Herausforderungen einer veränderten Klimarealität zusammenhängt. Stallkonzepte, die vor zwanzig Jahren sinnvoll waren — dunkle, geschlossene Boxenställe ohne Ventilation, schattenlose Weiden, mangelhafte Wasserversorgung — müssen auf den Prüfstand.
Was konkret zu tun ist: Schattenstrukturen auf Weiden einplanen, Ventilationssysteme in Ställen nachrüsten, Wasserversorgung verdoppeln, Weidezeiten flexibel gestalten, Notfallpläne für Extremwetter schriftlich fixieren. Die Pferdehaltung in Deutschland wird sich anpassen müssen — und wer heute anfängt, hat einen Vorsprung gegenüber allen, die abwarten, bis der nächste Jahrhundertsommer kommt. 2024 fanden 3.244 Turniermeldungen mit über einer Million Starts statt; auf Auktionen wurde pro Pferd durchschnittlich 28.735 Euro gezahlt. Die Branche investiert beträchtliche Summen. Ein Teil davon sollte in klimaresiliente Infrastruktur fließen — nicht in die nächste Decke, die bei 35 Grad im Schrank liegt.
Häufig gestellte Fragen
Ab welcher Temperatur wird es für Pferde zu heiß oder zu kalt?
Die thermoneutrale Zone eines gesunden, erwachsenen Pferdes liegt zwischen minus 15 und plus 25 Grad Celsius. Unterhalb dieses Bereichs steigt der Energiebedarf für die Wärmeproduktion, oberhalb muss der Körper aktiv kühlen. Diese Grenzen verschieben sich jedoch erheblich je nach Rasse, Alter, Fellzustand und Haltungsform. Ein ungeschorener Isländer toleriert minus 30 Grad problemlos, während ein geschorener Vollblüter schon bei plus fünf Grad eine Decke brauchen kann. Entscheidend ist nie die Temperatur allein, sondern immer die Kombination aus Temperatur, Wind, Nässe und individueller Konstitution.
Können Pferde bei Wetterumschwung eine Kolik bekommen?
Die Forschungslage ist nicht eindeutig. Eine Studie der University of Delaware fand einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Druckabfall und Kolikrate, eine größere Folgestudie konnte diesen Effekt nicht bestätigen. Was Studien konsistent zeigen: Die Kolikrate steigt im Sommer um 85 Prozent und im Herbst um 72 Prozent gegenüber dem Winter. Der wahrscheinlichste Mechanismus ist nicht das Wetter selbst, sondern die Managementänderungen, die mit Wetterwechseln einhergehen — Futterumstellungen, Stallwechsel, veränderte Bewegung. Stabile Routinen bei Wetterwechseln sind der beste Schutz.
Wann sollte man ein Pferd eindecken?
Es gibt keine universelle Temperaturgrenze. Die Entscheidung hängt von vier Faktoren ab: Fellzustand (geschoren oder ungeschoren), Haltungsform (Offenstall oder Box), Gesundheit (Alter, Gewicht, Vorerkrankungen) und Wetterbedingungen (Kombination aus Temperatur, Nässe, Wind). Ein gesundes, ungeschorenes Pferd in Offenstallhaltung braucht bei trockener Kälte bis minus 15 Grad keine Decke. Ein geschorenes Sportpferd oder ein alter Cushing-Patient kann bereits bei plus fünf Grad und Regen eine Decke benötigen. Reflexhaftes Eindecken bei null Grad unterdrückt die natürliche Thermoregulation und kann langfristig kontraproduktiv sein.
Wie erkenne ich, ob mein Pferd unter Hitze leidet?
Die ersten Warnsignale sind eine erhöhte Atemfrequenz über 20 Züge pro Minute in Ruhe, starkes oder ausbleibendes Schwitzen, Appetitlosigkeit und Apathie. Messen Sie bei Verdacht die Rektaltemperatur: Über 39 Grad in Ruhe ist ein Alarmsignal, über 40 Grad ein Notfall. Prüfen Sie die Dehydrierung mit dem Hautfaltentest — eine Hautfalte am Hals, die länger als zwei Sekunden braucht, um zu verstreichen, deutet auf Flüssigkeitsmangel hin. Bei einem Ruhepuls über 60 Schlägen pro Minute, Taumeln oder Bewusstseinsveränderungen rufen Sie sofort den Tierarzt.
Wie viel Wasser braucht ein Pferd bei Hitze?
Ein 600-Kilo-Pferd trinkt normalerweise 20 bis 30 Liter am Tag. Bei starker Hitze und Arbeit kann der Bedarf auf 40 bis 80 Liter steigen. Die Wassertemperatur beeinflusst die Aufnahme: Pferde bevorzugen 15 bis 20 Grad und trinken bei eiskaltem oder zu warmem Wasser deutlich weniger. Stellen Sie sicher, dass immer frisches Wasser verfügbar ist — idealerweise aus mehreren Quellen, damit auch rangniedrige Pferde ungehindert trinken können. Im Sommer Wasserbehälter beschatten, um Überhitzung des Wassers zu verhindern.
Darf man bei Gewitter mit dem Pferd ausreiten?
Nein. Bei Gewitterwarnung sollten Sie weder ausreiten noch Pferde auf der Weide lassen. Die Schrittspannung bei einem Blitzeinschlag ist für Pferde aufgrund des großen Abstands zwischen Vorder- und Hinterbeinen besonders gefährlich — ein Einschlag muss nicht direkt treffen, um tödlich zu sein. Holen Sie Pferde bei Gewitterwarnung Stufe 2 rechtzeitig herein. Bäume, Metallzäune und offenes Gelände sind keine Schutzräume. Der sicherste Ort ist ein massiver Stall oder eine Reithalle mit funktionierender Blitzschutzanlage.
Wie schütze ich mein Pferd im Offenstall vor schlechtem Wetter?
Der Unterstand ist das Herzstück. Er muss groß genug sein, dass alle Pferde gleichzeitig Platz finden — auch die rangniederen. Drei geschlossene Seiten und eine offene Seite, die nicht in die Hauptwindrichtung zeigt, sind Minimum. Der Boden sollte trocken und rutschfest sein. Im Sommer ergänzen Sie den Unterstand um Schattenstrukturen auf der Weide und stellen Wasser im Schatten bereit. Im Winter achten Sie auf frostfreie Tränken und erhöhen die Heuration. Bei Starkregen und Dauerregen kontrollieren Sie regelmäßig den Bodenbelag, um Matschlöcher zu vermeiden, die Huferkrankungen begünstigen.
Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.