Kolik im Frühling – warum der Weidestart und das Aprilwetter riskant sind

April, Weidestart, Wetterkapriolen – drei Risiken auf einmal
Dreimal innerhalb einer einzigen Aprilwoche wurde ich zu Kolikfällen gerufen – alle drei in Ställen, die gerade mit dem Anweiden begonnen hatten. Zwei Aufgasungskoliken, eine Verstopfungskolik. Zufall? Nein. Der Frühling bündelt gleich mehrere Risikofaktoren auf engem Raum, und wer nicht vorbereitet ist, wird von dieser Häufung überrollt.
Die Zahlen bestätigen, was ich in der Praxis sehe: Eine großangelegte Studie der University of Pennsylvania mit 3108 Fällen zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Kolikdiagnose im Frühling signifikant erhöht ist – um den Faktor 1,29 gegenüber dem Winter. Das klingt moderat, aber es beschreibt nur den Durchschnitt über die gesamte Saison. In den zwei bis drei Wochen rund um den Weidestart konzentrieren sich die Fälle, und die Spitzenwerte liegen deutlich höher. Der Frühling ist nicht die riskanteste Jahreszeit für Koliken – Sommer und Herbst sind statistisch gefährlicher – aber er hat eine einzigartige Kombination aus Risiken, die ihn besonders tückisch macht.
Diese Kombination besteht aus drei Elementen: der Futterumstellung durch den Weidestart, den typischen Wetterschwankungen im April mit Temperatursprüngen von 15 Grad innerhalb weniger Stunden, und der Umstellung der Haltung von Winter- auf Sommerbetrieb – mit Änderungen bei Bewegung, Wasseraufnahme und Tagesablauf. Jedes dieser Elemente für sich erhöht das Kolikrisiko. Zusammen erzeugen sie eine Risikokette, die bewusstes Management erfordert.
Warum Koliken im Frühling häufiger auftreten
Der wichtigste Einzelfaktor ist die Futterumstellung. Frisches Weidegras unterscheidet sich fundamental von dem Heu, das ein Pferd den Winter über gefressen hat. Der Wassergehalt ist hoch – 80 Prozent statt 15 Prozent beim Heu -, der Rohfasergehalt niedrig, und der Gehalt an leicht fermentierbaren Kohlenhydraten, insbesondere Fruktanen, kann bei kühlen Nächten und sonnigen Tagen extreme Werte erreichen.
Ein systematischer Review aus 58 Studien, zusammengestellt von Sarah Freeman und Kollegen, identifizierte 22 Risikofaktoren für Koliken – und die Veränderung des Futters und der Haltungsbedingungen gehörte zu den wichtigsten. Sarah Freeman selbst formuliert es so: Eine Änderung der Unterbringung oder des Stalls kann auch mit einer Änderung des Futters und der Bewegung verbunden sein, und daher ist es wahrscheinlich, dass es eine Wechselwirkung zwischen diesen Faktoren gibt. Genau diese Wechselwirkung macht den Frühling so riskant – es ändert sich nicht ein Parameter, sondern gleich mehrere gleichzeitig.
Der Fruktangehalt im Gras verdient besondere Aufmerksamkeit. Fruktane werden bei Photosynthese produziert, aber nur bei ausreichender Wärme auch verbraucht. An einem typischen Apriltag mit Sonnenschein und 15 Grad produziert das Gras Fruktane, verbraucht sie aber auch weitgehend. Fällt die Temperatur nachts auf null Grad, stoppt der Verbrauch, aber die Produktion setzt am nächsten Morgen sofort wieder ein. Das Ergebnis: Nach einer kalten Nacht ist der Fruktangehalt im Gras am Vormittag am höchsten. Ein Pferd, das morgens nach einer Frostnacht auf die Weide gelassen wird, frisst Gras mit maximaler Fruktankonzentration – genau der Stoff, der im Dickdarm eine explosionsartige Fermentation auslöst und Aufgasungskoliken verursachen kann.
Der zweite Faktor – das Aprilwetter – wirkt indirekt, ist aber nicht zu unterschätzen. Temperatursprünge belasten den Kreislauf und verändern das Trinkverhalten. Ein Pferd, das an einem warmen Tag 40 Liter trinkt und am nächsten Tag bei 5 Grad nur 20 Liter aufnimmt, hat ein erhöhtes Risiko für Verstopfungskoliken, weil der Darminhalt nicht ausreichend durchfeuchtet wird. Diese Schwankungen sind im April besonders ausgeprägt – ich habe in meinen Aufzeichnungen Jahre, in denen die Tageshöchsttemperatur innerhalb von 48 Stunden um 18 Grad schwankte. Kein Pferdedarm bleibt davon unbeeindruckt.
Ein dritter Aspekt, der oft übersehen wird: die Bewegungsumstellung. Pferde, die den Winter über in der Box oder auf einem kleinen Paddock standen, kommen im Frühling plötzlich auf die große Koppel und bewegen sich deutlich mehr. Diese abrupte Steigerung der Bewegung verändert die Darmperistaltik – im positiven wie im negativen Sinne. Moderate Bewegung fördert die Verdauung, aber ein Pferd, das nach Monaten der Ruhe plötzlich über die Weide galoppiert, kann eine Verlagerung des Dickdarms provozieren, die in einer Verlagerungskolik endet. Auch hier gilt: schrittweise steigern, nicht von null auf hundert.
Sicheres Anweiden – ein Protokoll gegen Aufgasungskolik
Mein Anweideprotokoll, das ich seit sechs Jahren in allen Ställen empfehle, die ich berate, basiert auf drei Prinzipien: langsam anfangen, konsequent steigern, nie bei Risikobedingungen.
Tag 1 bis 3: maximal 15 Minuten Weidegang, idealerweise nachmittags nach einem warmen Tag – nicht morgens nach einer Frostnacht. Vor dem Weidegang eine volle Portion Heu anbieten, damit das Pferd nicht mit leerem Magen auf das frische Gras losgeht. Die Heufüllung verlangsamt die Futterpassage und puffert die Fermentation im Darm.
Tag 4 bis 7: Steigerung auf 30 Minuten. Weiterhin Heu vor dem Weidegang. Beobachten Sie den Kot – weicher Kot ist in der Umstellungsphase normal, Durchfall oder fehlender Kotabsatz sind Warnsignale, die einen Schritt zurück erfordern.
Ab Tag 8: Steigerung um jeweils 15 bis 30 Minuten pro Woche, bis nach vier bis sechs Wochen ganztägiger Weidegang möglich ist. Die gesamte Umstellung dauert bei konsequenter Durchführung sechs Wochen. Wer nach einer Woche bereits halbtägigen Weidegang zulässt, spielt mit dem Risiko. Ich weiß, dass sechs Wochen lang klingen – besonders wenn das Pferd sehnsüchtig an der Koppel steht und das frische Grün bereits sprießt. Aber der Dickdarm braucht diese Zeit, um die Bakterienflora anzupassen, die für die Fermentation von frischem Gras zuständig ist. Diese Umstellung kann nicht beschleunigt werden.
Die wichtigste Ausnahmeregel: Nach einer Frostnacht kein Weidegang vor dem späten Nachmittag. Wenn die Nachttemperatur unter 5 Grad fällt, verschiebt sich der gesamte Koppelplan um vier bis sechs Stunden. In Jahren mit spätem Frost – wie 2024, als Mitte Mai noch Bodenfrost auftrat – kann das die Anweideplanung empfindlich stören. Trotzdem: Lieber eine Woche Verzögerung als eine Kolik, die im schlimmsten Fall tödlich endet. Koliken sind die häufigste Todesursache bei Pferden, und Prävention beginnt im Frühling mit dem ersten Schritt auf die Weide. Mehr zur Forschungslage und zu saisonalen Risikofaktoren finden Sie im Beitrag zu Kolik und Wetter.
Wie lange sollte die Anweidezeit im Frühling sein?
Die Anweidezeit sollte in der ersten Woche bei maximal 15 bis 30 Minuten pro Tag liegen und über vier bis sechs Wochen schrittweise gesteigert werden. Vor dem Weidegang Heu anbieten, um den Magen zu füllen. Die gesamte Umstellung auf ganztägigen Weidegang dauert bei konsequentem Vorgehen sechs Wochen.
Bei welchem Wetter steigt das Fruktanrisiko im Gras?
Das höchste Fruktanrisiko besteht an sonnigen Tagen nach kalten Nächten unter 5 Grad. Die Pflanze produziert bei Sonnenlicht Fruktane, verbraucht sie aber erst bei höheren Temperaturen. Nach einer Frostnacht ist der Fruktangehalt morgens am höchsten – lassen Sie Ihr Pferd an solchen Tagen erst am späten Nachmittag auf die Weide.
Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.