Offenstallhaltung und Wetter – Schutzkonzepte für jede Jahreszeit

Offenstall heißt nicht schutzlos – wie der Unterstand zum Wetterschutz wird
Ich betreue seit fünf Jahren einen Offenstall mit 14 Pferden in Niedersachsen, und die häufigste Kritik, die ich von außen höre, lautet: „Die armen Pferde stehen bei jedem Wetter draußen.“ Was diese Kritiker nicht sehen: Die Pferde in diesem Stall sind gesünder, ausgeglichener und haben weniger Atemwegserkrankungen als die meisten Boxenpferde, die ich kenne. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – das funktioniert nur, weil der Stall durchdacht geplant ist. Ein Offenstall ohne funktionierenden Wetterschutz ist keine artgerechte Haltung, sondern Vernachlässigung.
Der Unterstand ist das Herzstück jedes Offenstallkonzepts. Er muss drei Dinge leisten: Wind abhalten, Regen abweisen und genug Platz bieten, dass alle Pferde gleichzeitig hineinpassen – einschließlich der rangniederen Tiere, die sonst von den dominanten Pferden ferngehalten werden. Als Faustregel rechne ich 12 Quadratmeter pro Pferd, mindestens zwei offene Seiten für Fluchtmöglichkeiten und eine Dachneigung, die Regenwasser gezielt ableitet. Ein Unterstand, der nur für die Hälfte der Herde Platz bietet, schützt die andere Hälfte gar nicht – und das ist häufiger der Fall, als man denkt.
Eine italienische Studie der Universität Mailand hat gezeigt, dass Pferde in Offenstallhaltung im Sommer und Herbst höhere Cortisolwerte in der Mähne aufweisen als im Frühling – ein Hinweis auf saisonalen Stress, der unter anderem mit Wetterbedingungen zusammenhängt. Das bedeutet nicht, dass Offenstallhaltung schlecht ist – es bedeutet, dass sie im Sommer und Herbst besonders sorgfältige Planung erfordert, um Stressfaktoren wie Hitze, Insekten und Nässe zu minimieren.
Hitzeschutz im Offenstall – Schatten, Wasser, Ventilation
Den schlimmsten Sommertag, den ich in einem Offenstall erlebt habe, gab es im August 2023: 37 Grad, windstill, kein Schatten auf dem Paddock. Drei Pferde standen apathisch in der Ecke, eines hatte bereits eine erhöhte Atemfrequenz. Der Besitzer hatte keinen Sonnenschutz installiert, weil „der Winter ja das größere Problem ist“. Diese Einstellung kostet im Zweifelsfall Leben.
Schatten ist im Sommer nicht verhandelbar. Natürlicher Schatten durch Bäume ist ideal – eine ausgewachsene Eiche beschattet bis zu 200 Quadratmeter und senkt die gefühlte Temperatur darunter um 5 bis 8 Grad. Wo keine Bäume stehen, sind Sonnensegel oder Dachüberstände die Alternative. Ich empfehle mindestens 10 Quadratmeter Schattenfläche pro Pferd auf dem Paddock – zusätzlich zum Unterstand, der im Sommer oft zu warm wird, weil die Wärme unter dem Dach staut.
Wasser ist der zweite kritische Faktor. Ein 600-Kilo-Pferd trinkt bei Hitze bis zu 80 Liter am Tag. In einem Offenstall mit 10 Pferden bedeutet das: 800 Liter Wasserverbrauch täglich. Ein einzelner 100-Liter-Trog, der morgens gefüllt wird, ist gegen Mittag leer. Ich installiere in jedem Offenstall, den ich plane, Selbsttränken mit Schwimmerventil an mindestens zwei Stellen – weit genug voneinander entfernt, dass auch rangniedere Pferde ungehindert trinken können.
Ventilation ist im Offenstall normalerweise durch die offene Bauweise gegeben – ein Vorteil gegenüber geschlossenen Ställen. An windstillen Hitzetagen kann sie aber trotzdem unzureichend sein. Mobile Ventilatoren im Unterstandbereich schaffen Abhilfe und werden von den Pferden erfahrungsgemäß gut angenommen. In einem Stall, den ich berate, haben wir zwei große Industrieventilatoren im Unterstand installiert, die sich über einen Temperatursensor ab 28 Grad automatisch einschalten. Die Pferde stehen an heißen Tagen gezielt vor den Ventilatoren – sie lernen schnell, wo die kühle Luft ist.
Winterschutz im Offenstall – Wind, Nässe und Bodenbeschaffenheit
Der Winter stellt andere Anforderungen, und hier zeigt sich die Qualität eines Offenstalls am deutlichsten. Ein gut geplanter Offenstall ist im Winter kein Problem – ein schlecht geplanter ist eine Katastrophe. Der Unterschied liegt in drei Faktoren: Windschutz, Bodenbeschaffenheit und Futtermanagement.
Windschutz ist im Winter der wichtigste Einzelfaktor. Ein Pferd, das bei minus 5 Grad im Windschatten steht, befindet sich noch komfortabel in seiner thermoneutralen Zone. Dasselbe Pferd bei minus 5 Grad und Windstärke 6 verliert Wärme so schnell, dass 75 Prozent seiner metabolischen Energie in die Gegenregulation fließen. Der Unterstand muss gegen die Hauptwindrichtung geschlossen sein – in Deutschland heißt das in der Regel die West- und Nordwestseite. Flexible Windschutznetze an den offenen Seiten können den Luftstrom um bis zu 80 Prozent reduzieren, ohne die Fluchtmöglichkeit einzuschränken.
Der Boden entscheidet darüber, ob Pferde im Winter trocken stehen oder in einer Schlammwüste versinken. Matsch ist der Feind jedes Offenstalls – er durchnässt die Fesseln, begünstigt Mauke und Strahlfäule und entzieht über die nassen Beine Wärme. Befestigte Flächen im Futter- und Tränkebereich sind keine Option, sondern Pflicht. Paddockplatten, Schotter mit Vlies oder Betonflächen mit Gefälle halten den Boden tragfähig. In den Liegeflächen empfehle ich eine dicke Strohschicht, die regelmäßig erneuert wird – Pferde, die sich auf trockenen Boden legen können, frieren nachts deutlich weniger als solche, die im Stehen schlafen müssen, weil der Boden zu nass ist.
Futter ist im Winter die Heizung des Offenstalls. Raufutter – spezifisch Heu – wird im Dickdarm durch Fermentation abgebaut, und dieser Prozess erzeugt erhebliche Wärme. Mehr dazu und konkrete Mengenangaben finden Sie im Beitrag zur Pferdehaltung bei Winterkälte. Im Offenstall muss Heu rund um die Uhr verfügbar sein, am besten über mehrere Raufen verteilt, damit alle Pferde Zugang haben. Ein leerer Heuwagen in einer kalten Nacht bedeutet ein Pferd, dessen einzige Heizquelle ausfällt.
Was ich außerdem in jedem Winter überprüfe: die Tränken. Eingefrorene Selbsttränken sind im Offenstall ein häufiges Problem, das leicht übersehen wird, weil die Pferde nicht sichtbar dehydriert aussehen. Aber ein Pferd, das acht Stunden lang nicht trinkt, weil die Tränke eingefroren ist, nimmt auch weniger Heu auf – und verliert damit seine Wärmequelle. Beheizbare Tränken oder Schwimmer mit Frostschutz sind in Regionen mit regelmäßigem Frost eine lohnende Investition. Wer manuell entfrostet, muss das mindestens dreimal täglich tun – morgens, mittags und abends.
Ein letzter Punkt zum Winterschutz, den ich aus Erfahrung für entscheidend halte: Beobachten Sie Ihre Pferde. Die beste Planung ersetzt nicht den täglichen Blick. Ein Pferd, das morgens am Unterstand steht und zittert, obwohl alle Faktoren stimmen, hat möglicherweise ein gesundheitliches Problem, das über das Wettermanagement hinausgeht. Ein Pferd, das sich bei minus 10 Grad entspannt auf dem Paddock wälzt, zeigt Ihnen dagegen, dass Ihr System funktioniert. Die Pferde selbst sind der beste Gradmesser für die Qualität Ihres Offenstalls.
Wie groß sollte ein Unterstand für zwei Pferde sein?
Rechnen Sie mindestens 12 Quadratmeter pro Pferd, also 24 Quadratmeter für zwei Pferde. Der Unterstand sollte mindestens zwei offene Seiten haben, damit sich kein Pferd in die Ecke gedrängt fühlt und Fluchtmöglichkeiten bestehen. Achten Sie darauf, dass der geschlossene Teil gegen die Hauptwindrichtung zeigt.
Kann ein gut geplanter Offenstall eine Box ersetzen?
Für gesunde, erwachsene Pferde – ja. Ein Offenstall mit funktionierendem Unterstand, befestigtem Boden, Schattenzugang und ausreichender Wasserversorgung bietet in der Regel bessere Bedingungen als eine Box: mehr Bewegung, bessere Luftqualität und natürlichere Sozialstrukturen. Ausnahmen sind Pferde mit bestimmten Erkrankungen, die eine kontrollierte Umgebung erfordern, sowie die Rekonvaleszenz nach Operationen.
Erstellt vom Redaktionsteam „Wetter Pferd”.