Fütterung im Winter – warum Heu die wichtigste Heizung für Ihr Pferd ist

Updated Juli 2026
Licensed
Available in US
Fast payouts
18+ Only
Want more predictions?
Join our Telegram channel
Join

Pferd frisst Heu im verschneiten Winter aus einer Raufe

Raufutter statt Kraftfutter – warum der Winter die Fütterung verändert

Jeden Winter beobachte ich denselben Reflex: Die Temperaturen fallen, und die Besitzer greifen zum Kraftfutter. Mehr Hafer, mehr Müsli, mehr Pellets – in der Annahme, dass ein Pferd bei Kälte mehr „Energie“ braucht. Das klingt logisch, ist aber grundfalsch. Die Energie, die ein Pferd im Winter am dringendsten braucht, ist Wärme – und die kommt nicht aus dem Kraftfutter, sondern aus dem Heu.

75 Prozent der metabolischen Energie eines Pferdes werden im Winter für die Wärmeproduktion aufgewendet. Das ist kein Ausnahmezustand, sondern der Normalfall in der kalten Jahreszeit. Und der effizienteste Weg, diese Wärme zu erzeugen, ist die mikrobielle Fermentation von Raufutter im Dickdarm. Bakterien zerlegen die Zellulose des Heus in flüchtige Fettsäuren – und als Nebenprodukt dieses Prozesses entsteht erhebliche Wärme. Man kann den Dickdarm eines Pferdes als biologischen Ofen bezeichnen, der mit Heu befeuert wird. Kraftfutter – Getreide, Müsli, Pellets – wird überwiegend im Dünndarm verdaut, enzymatisch und ohne nennenswerte Wärmeproduktion. Es liefert schnelle Energie für Muskelarbeit, aber kaum Wärme.

Die Wärme aus dem Dickdarm – Fermentation als Heizquelle

Als ich das erste Mal einem Besitzer erklärt habe, dass sein Pferd beim Heufressen heizt, hat er gelacht. Aber die Physiologie ist eindeutig. Ich will den Mechanismus hier einmal aufdröseln, weil das Verständnis die Fütterungsentscheidung im Winter fundamental verändert.

Das Pferd ist ein Dickdarmfermentierer. Sein riesiger Blinddarm und das große Kolon – zusammen fassen sie 80 bis 100 Liter – beherbergen Milliarden von Mikroorganismen, die Zellulose und Hemizellulose abbauen. Zellulose ist der Hauptbestandteil von Raufutter: Heu, Stroh, Gras. Die Bakterien spalten diese komplexen Kohlenhydrate in kurzkettige Fettsäuren – vorwiegend Acetat, Propionat und Butyrat -, die der Pferdekörper als Energiequelle nutzt.

Bei diesem Fermentationsprozess wird Wärme freigesetzt – je mehr Zellulose fermentiert wird, desto mehr Wärme entsteht. Heu mit hohem Rohfasergehalt – also spät geschnittenes, stengelreiches Heu – erzeugt mehr Fermentationswärme als frühes, blattreiches Heu. Das ist der Grund, warum Pferdepraktiker oft empfehlen, im Winter auf einen zweiten Schnitt mit höherem Stängelanteil umzusteigen, auch wenn er weniger nährstoffreich ist. Die Nährstoffe sind im Winter sekundär – die Wärme ist primär.

Kraftfutter hingegen wird zum Großteil enzymatisch im Dünndarm verdaut. Die Stärke aus Hafer oder Gerste wird in Glukose umgewandelt, die als Brennstoff für die Muskulatur dient. Das ist sinnvoll für ein Pferd, das im Winter intensiv gearbeitet wird. Für ein Pferd, das im Winter vorwiegend auf dem Paddock steht und moderate Schrittarbeit leistet, ist zusätzliches Kraftfutter überflüssig – es liefert Energie, die nicht gebraucht wird, erzeugt keine Wärme und belastet im Übermaß die Leber.

Wie viel Heu braucht ein Pferd im Winter – Berechnung und Faustzahlen

Dr. David Marlin, Physiologe und Biochemiker, bringt es auf den Punkt: Management ist wichtiger als Wetter, wenn es um die Gesundheit von Pferden geht. Und im Winter ist das Futtermanagement der wichtigste Einzelfaktor. Lassen Sie mich die Zahlen durchgehen.

Die Grundregel lautet: Ein Pferd braucht mindestens 1,5 Prozent seines Körpergewichts an Raufutter-Trockenmasse pro Tag. Für ein 600-Kilo-Pferd sind das 9 Kilogramm Trockenmasse – das entspricht etwa 10 bis 10,5 Kilogramm lufttrockenem Heu mit einem Restfeuchtegehalt von 12 bis 15 Prozent. Das ist das Minimum, nicht das Optimum.

Im Winter, wenn die Temperaturen dauerhaft unter 5 Grad fallen und das Pferd zusätzliche Wärme produzieren muss, empfehle ich eine Erhöhung auf 2 Prozent des Körpergewichts – also 12 Kilogramm Heu pro Tag für ein 600-Kilo-Pferd. Bei strengem Frost unter minus 10 Grad oder bei Pferden, die im Offenstall ohne Decke stehen, kann der Bedarf auf 2,5 Prozent steigen – 15 Kilogramm. Das sind erhebliche Mengen, die auf drei bis vier Fütterungen verteilt werden müssen, damit der Dickdarm gleichmäßig arbeiten kann.

Eine Rechnung, die ich in meinen Beratungen immer mache: Ein Pferd in Offenstallhaltung frisst im Winter pro Monat zwischen 300 und 450 Kilogramm Heu. Bei einem Preis von 15 bis 20 Euro pro Doppelzentner sind das 45 bis 90 Euro pro Monat – allein für Heu. Wer im September nicht genug Heu eingelagert hat, steht im Februar vor einem Problem, das sich nicht spontan lösen lässt. Heuplanung ist Winterplanung. Und gutes Heu ist nicht gleich gutes Heu: Feuchtigkeit, Schimmelbefall und Staubgehalt variieren je nach Ernte und Lagerung erheblich. Ein staubiges, schlecht gelagertes Heu belastet die Atemwege gerade in der kalten Jahreszeit zusätzlich – eine Doppelbelastung, die sich vermeiden lässt.

Heunetze und Engmaschraufen verlangsamen die Fressgeschwindigkeit und simulieren das natürliche Fressverhalten – kleine Mengen über einen langen Zeitraum. Das ist im Winter doppelt sinnvoll: Die Fermentationswärme wird gleichmäßiger produziert, und die Beschäftigung mit dem Netz reduziert Stress und Langeweile in der langen Dunkelphase.

Ein letzter Punkt, der Besitzer häufig überrascht: Die Fütterungszeiten sind im Winter wichtiger als im Sommer. Ein Pferd, das abends um 18 Uhr die letzte Heuration bekommt und morgens um 7 Uhr die nächste, hat 13 Stunden lang keinen „Brennstoff“ im Dickdarm – die längste und kälteste Phase des Tages. In diesen 13 Stunden sinkt die Fermentationswärme, und das Pferd muss seinen Wärmehaushalt über Muskelzittern und Fettverbrennung aufrechterhalten. Eine späte Abendration – um 21 oder 22 Uhr – verkürzt die Nüchternphase auf 9 bis 10 Stunden und hält den Dickdarmofen über Nacht in Betrieb. In den Offenställen, die ich betreue, ist eine engmaschige Heufütterung ab 16 Uhr Standard – mit der letzten Portion um 22 Uhr. Mehr dazu im Überblick zu Pferden im Winter.

Sollte man im Winter Kraftfutter statt Heu erhöhen?

Nein. Kraftfutter liefert schnelle Energie für Muskelarbeit, aber kaum Wärme. Die Wärme, die ein Pferd im Winter braucht, entsteht durch die Fermentation von Raufutter im Dickdarm. Erhöhen Sie die Heumenge, nicht das Kraftfutter. Kraftfutter ist nur dann sinnvoll, wenn das Pferd intensiv gearbeitet wird und den zusätzlichen Energiebedarf hat.

Wie viel Kilogramm Heu braucht ein 600-kg-Pferd pro Wintertag?

Im Minimum 10 Kilogramm lufttrockenes Heu, was 1,5 Prozent des Körpergewichts entspricht. Bei Temperaturen dauerhaft unter 5 Grad steigt der Bedarf auf 12 Kilogramm, bei strengem Frost auf bis zu 15 Kilogramm. Verteilen Sie die Gesamtmenge auf drei bis vier Rationen, wobei die letzte Portion möglichst spät am Abend gegeben wird.

Verfasst vom Team von „Wetter Pferd”.