Kolik im Herbst – warum Temperatursturz und Stallwechsel das Risiko erhöhen

Oktober, November – die Monate mit dem höchsten Kolikrisiko
Mein Telefon klingelt im Oktober häufiger als in jedem anderen Monat. Nicht wegen der Erkältungen, nicht wegen der Lahmheiten – wegen der Koliken. In den letzten vier Jahren habe ich systematisch notiert, wann die Kolikfälle in den Ställen auftreten, die ich betreue. Das Ergebnis ist eindeutig: Oktober und November sind die Spitzenmonate, mit doppelt so vielen Fällen wie im Februar oder März.
Die Forschung bestätigt dieses Muster. Eine Studie mit 3108 Fällen an der University of Pennsylvania zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Kolikdiagnose im Herbst um den Faktor 1,72 erhöht ist – der höchste saisonale Wert überhaupt, noch vor dem Sommer mit 1,85. Nicole Verhaar, Fachtierärztin für Pferdechirurgie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, beschreibt eine Beobachtung, die viele Kliniker teilen: Obwohl auch dort der Eindruck besteht, dass bei Wetterwechseln mehr Pferde mit Kolik überwiesen werden, konnte ein direkter Einfluss des Wetters in Studien bislang nicht eindeutig belegt werden. Dieser scheinbare Widerspruch – klinischer Eindruck versus Statistik – löst sich auf, wenn man genauer hinschaut. Es ist nicht das Wetter allein, das im Herbst die Koliken auslöst. Es ist die Summe aus Veränderungen, die mit dem Herbst einhergehen.
Stallwechsel, Futterumstellung, Kälteeinbruch – die Risikokette
Im Herbst passiert in deutschen Ställen alles gleichzeitig: Die Pferde kommen von der Weide in den Stall oder auf den Winterpaddock. Das Futter wechselt von Gras auf Heu, oft ergänzt durch Kraftfutter. Die Bewegung ändert sich – statt freiem Weidegang gibt es strukturierte Reitstunden und Boxenruhe. Die Temperaturen fallen, manchmal über Nacht um 15 Grad. Und der Tagesablauf verschiebt sich, weil die Tage kürzer werden.
Jede einzelne dieser Veränderungen ist ein dokumentierter Risikofaktor für Koliken. Der systematische Review von Curtis und Kollegen aus 58 Studien identifizierte die Veränderung von Futter und Haltungsbedingungen als einen der 22 wichtigsten Risikofaktoren. Sarah Freeman betont, dass eine Änderung der Unterbringung oft mit einer Änderung des Futters und der Bewegung verbunden ist und diese Faktoren in Wechselwirkung zueinander stehen. Im Herbst treten diese Wechselwirkungen gebündelt auf – nicht eine Veränderung, sondern vier oder fünf gleichzeitig.
Der Temperatursturz selbst wirkt auf mehreren Ebenen. Kalte Luft senkt die Wasseraufnahme – Pferde trinken bei 5 Grad weniger als bei 20 Grad, besonders wenn das Wasser ebenfalls kalt ist. Weniger Wasser bedeutet trockeneren Darminhalt und ein erhöhtes Risiko für Verstopfungskoliken. Gleichzeitig verändert der Wechsel von Gras auf Heu die Konsistenz des Darminhalts: Heu hat 15 Prozent Wassergehalt, Gras 80 Prozent. Der Darm muss plötzlich deutlich mehr Flüssigkeit aus der Tränke beziehen statt aus dem Futter – ein Übergang, der bei reduzierter Trinkmenge problematisch wird.
Ein Aspekt, der in der Herbstdiskussion selten auftaucht: Sandkoliken. Pferde, die den Sommer über auf abgegrasten Weiden stehen und mit dem kurzen Gras auch Sand aufnehmen, akkumulieren über Monate Sandablagerungen im Dickdarm. Diese Ablagerungen werden oft erst im Herbst zum Problem, wenn die veränderte Futterstruktur die Darmpassage verlangsamt und der Sand sich in den Darmfalten festsetzt. Ein Sandtest – eine Handvoll Kot in einem Gummihandschuh mit Wasser ausspülen und prüfen, ob Sand am Boden bleibt – gehört in mein Herbstprotokoll für jeden Stall.
Noch ein Risiko, das spezifisch für den Herbst ist: die Fruktanfalle im Spätherbst. Viele Halter denken, Fruktan im Gras sei ein Frühlingsproblem. Tatsächlich können die Fruktanwerte im Oktober und November bei kalten Nächten und sonnigen Tagen ebenso hoch sein wie im April. Pferde, die noch auf der Herbstweide stehen, sind diesem Risiko ausgesetzt – besonders wenn das Gras kurz abgefressen ist und die Pferde die zuckerreichen Halmbasis fressen.
Herbstmanagement – wie Sie das Kolikrisiko senken
Mein Ansatz im Herbst lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Jede Veränderung einzeln und langsam. Nie alles gleichzeitig.
Beginnen Sie mit der Futterumstellung zwei bis drei Wochen, bevor die Pferde in den Stall kommen. Reduzieren Sie die Weidezeit schrittweise und ersetzen Sie das fehlende Gras durch steigende Heumengen. So hat der Darm Zeit, seine Bakterienflora anzupassen, bevor der Umzug in den Stall einen weiteren Stressfaktor hinzufügt. Wenn die Pferde dann in die Box oder auf den Winterpaddock wechseln, ist die Futterumstellung bereits abgeschlossen – eine Variable weniger.
Kontrollieren Sie die Wasseraufnahme aktiv. Ich stelle in der Übergangsphase einen Eimer mit lauwarmem Wasser in die Box – zusätzlich zur Selbsttränke. Viele Pferde bevorzugen das wärmere Wasser und trinken messbar mehr. Klingt trivial, kann aber den Unterschied zwischen einem gut durchfeuchteten und einem trockenen Darminhalt ausmachen. Die Kolika ist die häufigste Todesursache bei Pferden, mit einer Letalität von etwa 7 Prozent bei Notfällen – Prävention durch ausreichende Wasserversorgung ist der einfachste und effektivste Hebel.
Sorgen Sie für Bewegung. Ein Pferd, das plötzlich 20 Stunden am Tag in der Box steht statt auf der Weide, reduziert seine Darmbewegung drastisch. Täglicher Paddockgang, mindestens zwei Stunden, hält die Peristaltik in Gang. Besser noch: ein Bewegungstrail oder ein Laufstall, der natürliche Bewegungsmuster auch im Winter ermöglicht.
Ein weiterer Punkt, der in meiner Herbstcheckliste steht: Entwurmung. Ein hoher Parasitenbefall im Darm stört die Motilität und erhöht das Kolikrisiko. Der Herbst ist der ideale Zeitpunkt für eine gezielte Entwurmung nach Kotprobe – bevor der Winter beginnt und die Bedingungen ohnehin belastend werden. Und messen Sie das Gewicht Ihres Pferdes zu Herbstbeginn als Baseline – Gewichtsveränderungen in den folgenden Wochen zeigen, ob die Futterumstellung funktioniert oder nachgesteuert werden muss. Die detaillierte Forschungslage zum Zusammenhang von Wetter und Koliken finden Sie im entsprechenden Überblicksartikel.
Warum ist die Kolikrate im Herbst höher als im Winter?
Im Herbst treffen mehrere Veränderungen gleichzeitig aufeinander: Futterumstellung von Gras auf Heu, Stallwechsel, reduzierte Bewegung und Temperaturstürze. Jeder dieser Faktoren erhöht das Kolikrisiko einzeln – zusammen erzeugen sie eine kritische Belastung. Im Winter sind diese Umstellungen abgeschlossen und die Bedingungen stabil, weshalb die Kolikrate wieder sinkt.
Wie führt man eine sichere Futterumstellung im Herbst durch?
Beginnen Sie die Umstellung zwei bis drei Wochen vor dem Stallwechsel. Reduzieren Sie die Weidezeit schrittweise um 30 Minuten pro Tag und ersetzen Sie das fehlende Gras durch steigende Heumengen. So hat die Darmflora Zeit, sich anzupassen. Kontrollieren Sie gleichzeitig die Wasseraufnahme – warmes Wasser erhöht die Trinkmenge bei kühlen Temperaturen.
Verfasst vom Team von „Wetter Pferd”.