Fellwechsel beim Pferd – Ablauf, Probleme und Unterstützung im Frühling und Herbst

Zweimal im Jahr stellt sich das Fell um – was dabei passiert
Jedes Frühjahr erlebe ich dasselbe Bild: Pferdebesitzer stehen fassungslos vor ihren Tieren und fragen sich, ob das normal ist – ganze Büschel Fell auf dem Boden, ein Pferd, das aussieht wie ein zerfledderter Teddybär, und eine Stallapotheke voller Wundermittel, die den Prozess beschleunigen sollen. Ich kann Sie beruhigen: Der Fellwechsel ist einer der beeindruckendsten physiologischen Vorgänge, zu denen ein Pferdekörper fähig ist, und in den allermeisten Fällen läuft er völlig problemlos – wenn man ihn versteht.
Der Auslöser ist nicht die Temperatur, wie viele annehmen, sondern das Licht. Genauer: die Tageslänge, wahrgenommen über die Photorezeptoren in den Augen und verarbeitet über die Zirbeldrüse, die das Hormon Melatonin ausschüttet. Im Herbst, wenn die Tage kürzer werden, steigt der Melatoninspiegel und signalisiert dem Körper: Winterfell aufbauen. Im Frühjahr sinkt er, und das Signal lautet: Winterfell abstoßen. Dieser Mechanismus erklärt, warum Pferde in beleuchteten Ställen oft einen verzögerten oder unvollständigen Fellwechsel zeigen – das künstliche Licht stört die hormonelle Steuerung.
Der Winterfellaufbau beginnt bereits im August, lange bevor die ersten kalten Nächte kommen. Bis November hat das Pferd sein volles Winterfell entwickelt – eine Isolationsschicht, die so effektiv ist, dass 75 Prozent der metabolischen Energie im Winter allein für die Wärmeproduktion eingesetzt werden. Im Frühjahr, ab Februar bei steigender Tageslänge, beginnt der umgekehrte Prozess. Das dichte Unterfell wird abgestoßen, das dünnere Sommerfell wächst nach. Dieser Frühjahrswechsel dauert vier bis acht Wochen und ist für den Körper deutlich anstrengender als der herbstliche Aufbau, weil gleichzeitig altes Haar abgestoßen und neues produziert werden muss.
Der Fellwechsel im Detail – Lichtsteuerung und Hormonachse
Mir fällt auf, dass in Reiterforen der Fellwechsel fast ausschließlich als Futterthema diskutiert wird – mehr Biotin, mehr Zink, mehr dies, mehr das. Dabei ist die hormonelle Steuerung der eigentliche Schlüssel, und die funktioniert unabhängig davon, was im Futtertrog liegt.
Die Hormonachse beginnt bei den Augen: Lichtreize gelangen über den retinohypothalamischen Trakt zum Nucleus suprachiasmaticus – dem inneren Taktgeber des Gehirns – und von dort zur Zirbeldrüse. Die Zirbeldrüse produziert Melatonin proportional zur Dunkelheit. Mehr Dunkelheit im Herbst bedeutet mehr Melatonin, das über die Schilddrüsen- und Nebennierenhormone den Haarfollikelzyklus aktiviert. Im Frühjahr sinkt das Melatonin, Prolaktin steigt an, und der Follikel wechselt von der Ruhephase in die aktive Wachstumsphase.
Die thermoneutrale Zone des Pferdes – minus 15 bis plus 25 Grad – ist dabei der Rahmen, in dem dieser Mechanismus evolutionär optimiert wurde. Das Winterfell ist darauf ausgelegt, das Pferd bis minus 15 Grad ohne zusätzliche Energiezufuhr warmzuhalten. Das Sommerfell ist darauf ausgelegt, bei Temperaturen bis 25 Grad die Wärmeabgabe nicht zu behindern. Dazwischen reguliert der Fellzyklus die Isolation stufenlos – ein System, das über Millionen von Jahren perfektioniert wurde.
Was viele Halter nicht wissen: Die Felldicke variiert je nach Körperregion. Am Rücken und an den Flanken ist das Winterfell am dichtesten, am Bauch und an der Innenseite der Beine am dünnsten. Diese Verteilung ist kein Zufall – die exponierten Oberflächen brauchen mehr Schutz, während die geschützten Bereiche Wärme leichter abgeben können. Beim Fellwechsel wird entsprechend nicht überall gleichzeitig gewechselt: Der Kopf und die Schultern verlieren ihr Winterfell oft Wochen vor dem Rumpf. Dieses ungleichmäßige Muster verunsichert Besitzer regelmäßig, ist aber völlig normal und sogar ein Zeichen dafür, dass der hormonelle Prozess sauber abläuft.
Noch ein Detail, das selten erwähnt wird: Die Fellfarbe beeinflusst den Wechsel nicht, aber die Rasse schon. Robustpferde wie Isländer und Fjordpferde produzieren ein wesentlich dichteres Winterfell als Warmblüter oder Araber und brauchen entsprechend länger für den Frühjahrswechsel. Bei manchen Isländern zieht sich der Prozess bis in den Mai – das ist rassetypisch und kein Grund zur Sorge, solange das Pferd ansonsten gesund ist und das Fell insgesamt nachgibt.
Wenn der Fellwechsel stockt – Ursachen und Hilfe
Vor zwei Jahren wurde ich zu einem 18-jährigen Isländer gerufen, der Mitte Mai noch fast sein komplettes Winterfell trug. Der Besitzer hatte alles versucht – Kräuter, Öle, stundenlanges Striegeln. Die Ursache war eine andere: Das Pferd hatte das Equine Cushing-Syndrom, eine Erkrankung der Hirnanhangsdrüse, die den Hormonhaushalt durcheinanderbringt und den Fellwechsel massiv verzögert oder komplett verhindert. Ein Bluttest bestätigte den Verdacht innerhalb von 48 Stunden.
Nicole Maier, Pferdeosteopathin und Dozentin an der Akademie für Tierheilkunde, bringt es auf den Punkt: Bei eingedeckten Pferden ist der Stoffwechsel generell anfälliger, sie können quasi gar nicht mehr natürlich auf das Wetter reagieren. Diese Beobachtung deckt sich mit meiner Erfahrung – Pferde, die den Winter über konsequent eingedeckt waren und nie dem vollen Licht- und Temperaturwechsel ausgesetzt wurden, zeigen häufiger einen stockenden Fellwechsel als Pferde in naturnaher Haltung. Das Eindecken unterdrückt nicht nur die natürliche Thermoregulation, sondern kann auch die Lichtsignale an die Haut abschwächen.
Weitere häufige Ursachen für einen stockenden Fellwechsel: Nährstoffmangel, insbesondere Zink und Kupfer, die für die Keratinproduktion essenziell sind. Chronischer Stress, der den Cortisolspiegel dauerhaft erhöht und den Hormonstoffwechsel belastet. Parasitenbefall, der dem Körper Ressourcen entzieht. Und schließlich Leberprobleme, weil die Leber eine zentrale Rolle im Hormonstoffwechsel spielt.
Was können Sie tun? Zunächst: Geduld. Ein Fellwechsel, der sechs statt vier Wochen dauert, ist keine Katastrophe. Wenn das Winterfell allerdings Ende Mai noch nicht deutlich reduziert ist oder das Pferd stumpfes, struppiges Fell zeigt, lassen Sie ein großes Blutbild machen – Schilddrüsenwerte, ACTH, Zink, Kupfer und Selen. Die Ergebnisse geben Ihnen eine klare Handlungsgrundlage statt Rätselraten.
Unterstützend wirkt regelmäßiges, gründliches Striegeln – es regt die Durchblutung der Haut an und hilft, lose Haare zu entfernen. Freier Zugang zu natürlichem Licht ist wichtiger als jedes Supplement: Pferde in Offenstallhaltung wechseln ihr Fell in der Regel zuverlässiger als Boxenpferde mit eingeschränktem Tageslicht. Und wenn Sie supplementieren wollen, setzen Sie auf Zink, Kupfer und Omega-3-Fettsäuren – nicht auf teure „Fellwechsel-Kräutermischungen“, deren Wirkung nicht belegt ist. Mehr zu den physiologischen Grundlagen des Winterfells und der Thermoregulation habe ich in einem eigenen Beitrag zusammengefasst.
Wie lange dauert der Fellwechsel beim Pferd?
Der Frühjahrswechsel vom Winterfell zum Sommerfell dauert in der Regel vier bis acht Wochen, typischerweise von Februar bis April. Der Herbstwechsel beginnt bereits im August und ist bis November abgeschlossen. Die Dauer variiert je nach Rasse, Alter, Gesundheitszustand und Haltungsform – Pferde in Offenstallhaltung mit natürlichem Lichtzyklus wechseln oft zügiger als Boxenpferde.
Kann man den Fellwechsel mit Futter unterstützen?
Ja, aber gezielt. Die wichtigsten Nährstoffe für einen reibungslosen Fellwechsel sind Zink, Kupfer und Omega-3-Fettsäuren – sie unterstützen die Keratinproduktion und die Hautgesundheit. Teure Spezialmischungen sind meist überflüssig, wenn die Grundversorgung mit Mineralfutter stimmt. Wichtiger als jedes Supplement ist freier Zugang zu natürlichem Tageslicht, das die hormonelle Steuerung des Fellwechsels reguliert.
Verfasst vom Team von „Wetter Pferd”.