Warum Pferde bei Wind unruhig werden – Sinne, Instinkt und Umgang

Sturm zieht auf – und Ihr Pferd dreht durch. Warum?
Es gibt Tage, an denen ich den Stall betrete und sofort weiß: Heute wird es unruhig. Die Pferde stehen angespannt, die Ohren rotieren wie Radarschüsseln, und beim kleinsten Knacken zucken alle zusammen. Draußen pfeift der Wind mit Stärke 6 über den Platz. Für den erfahrenen Pferdemenschen ist das keine Überraschung – für den Neuling eine Stresssituation, die schnell gefährlich werden kann, wenn man die Ursache nicht versteht.
Barbara Schulte, Autorin und Pferdeexpertin, erklärt die Grundlage: Pferde sind uns schon rein anatomisch überlegen, weil sie ihre Ohrmuscheln drehen können und der Schall wie über einen Trichter ins Innenohr geleitet wird. Diese 180-Grad-Drehbarkeit der Ohren ist der Schlüssel zum Verständnis. Ein Pferd hört nicht nur besser als wir – es hört räumlich anders. Es kann Geräusche orten und zuordnen. Bei ruhigem Wetter funktioniert dieses System perfekt: Jedes Knacken eines Asts, jeder Schritt eines Nagers wird identifiziert und als ungefährlich eingestuft. Bei Wind bricht dieses System zusammen.
Ohren, Tasthaare, Geruch – wie Pferde Wind wahrnehmen
Wind erzeugt ein akustisches Chaos, das die sensorische Verarbeitung eines Pferdes überlastet. Raschelnde Blätter, knarrende Äste, flatternde Planen, pfeifende Öffnungen – all diese Geräusche überlagern die normalen Umgebungsgeräusche, die das Pferd kennt und als sicher einordnen kann. Ein Pferd, das ein Geräusch nicht zuordnen kann, reagiert instinktiv mit Fluchtbereitschaft – das ist kein Verhaltensproblem, sondern ein jahrtausendealter Überlebensmechanismus, der in der Steppe den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeutete.
Dazu kommt die taktile Reizüberflutung. Die Tasthaare am Maul, an den Augen und an den Ohren registrieren Luftströmungen und Berührungen. Bei starkem Wind werden diese Haare permanent stimuliert – vergleichbar mit dem Gefühl, wenn Ihnen jemand ständig ins Gesicht pustet. Die Haut unter dem Fell wird durch Windböen gereizt, die Mähne schlägt ins Auge, und lose Gegenstände in der Umgebung bewegen sich plötzlich – für ein Fluchttier ist jede unerwartete Bewegung ein potenzieller Feind.
Der dritte Sinneskanal, den Wind stört, ist der Geruchssinn. Pferde nutzen den Geruch zur Orientierung und zur Einschätzung von Gefahren – sie riechen Wölfe, Artgenossen, Futter und Wasser über hunderte Meter. Wind trägt Gerüche aus ungewohnten Richtungen und in ungewohnter Intensität heran. Ein vertrauter Stall riecht bei Westwind anders als bei Ostwind, weil der Geruch der Nachbarkoppel, der Straße oder des Waldes stärker oder schwächer herüberweht. Das Pferd kann seine gewohnte „Geruchskarte“ nicht mehr abgleichen – ein weiterer Grund für erhöhte Wachsamkeit.
Die Cortisolforschung der Universität Mailand zeigt, dass Pferde in Offenstallhaltung im Herbst die höchsten Stresswerte des Jahres aufweisen – einer der Gründe dafür dürften die Herbststürme sein, die akustische und taktile Reize erzeugen, gegen die sich kein Pferd abschirmen kann. Im Frühjahr, wenn die Windverhältnisse typischerweise stabiler sind, sind die Stresswerte am niedrigsten.
Sicher reiten und führen bei Wind – praktische Strategien
In neun Jahren Praxis habe ich gelernt, dass das Wichtigste bei windigem Wetter nicht die Technik am Pferd ist, sondern die Einstellung des Reiters. Wenn Sie angespannt sind, weil Ihr Pferd angespannt ist, verstärken Sie die Spirale. Ein Pferd liest Ihre Körpersprache schneller, als Sie denken – Ihre verkrampften Oberschenkel, Ihr fester Griff am Zügel, Ihr flacher Atem signalisieren: Gefahr. Und dann bestätigt sich das, was das Pferd ohnehin schon vermutet hat.
Meine erste Empfehlung: Akzeptieren Sie, dass Ihr Pferd bei Wind nicht dasselbe Pferd ist wie bei Windstille. Erwarten Sie keine Konzentration, kein entspanntes Dehnen, keine feinen Hilfen. Reduzieren Sie Ihre Ansprüche und konzentrieren Sie sich darauf, sicher zu arbeiten statt gut. Ein ruhiger Schrittausritt auf bekannten Wegen ist bei Wind besser als eine ambitionierte Dressurstunde im Viereck, bei der jede Böe einen Scheuer provoziert.
Bei starkem Wind empfehle ich, die Arbeit in die Halle zu verlegen – sofern die Halle solide gebaut ist und nicht selbst bei jeder Böe knarrt und rattert. Eine Halle mit flatterndem Tor und schlagendem Fenster ist kein Rückzugsort, sondern eine zusätzliche Stressquelle. Überprüfen Sie vor der Arbeit, ob alle Türen, Fenster und Planen fest verschlossen sind.
Wenn Sie bei Wind im Freien reiten müssen – etwa auf dem Weg zur Koppel oder bei einem notwendigen Ortswechsel -, halten Sie die Zügel kurz genug für eine schnelle Reaktion, aber nicht so fest, dass das Pferd sich eingeengt fühlt. Bleiben Sie im Schritt. Vermeiden Sie schmale Wege neben Hecken oder Zäunen, die im Wind Geräusche machen. Und reiten Sie nie allein bei Sturmwarnung – ein scheues Pferd, das seinen Reiter abwirft, braucht jemanden, der es einfängt und sichert.
Für die Haltung bei Wind gilt: Sorgen Sie für Windschutz auf dem Paddock und der Weide. Die thermoneutrale Zone eines Pferdes reicht bis minus 15 Grad – aber nur bei Windstille oder moderatem Wind. Bei Starkwind sinkt die effektive Temperatur um bis zu 15 Grad, und die Pferde suchen instinktiv Schutz. Ein Unterstand, der gegen die Hauptwindrichtung geschlossen ist, reduziert den Windstress messbar. Lose Gegenstände auf der Koppel – Eimer, Planen, Mülltonnen – müssen gesichert werden, weil sie bei Sturm zu Geschossen werden, die Pferde verletzen oder in Panik versetzen können. Mehr zum Gesamtthema Wetter und Pferdeverhalten finden Sie im Hauptartikel.
Warum reagieren manche Pferde stärker auf Wind als andere?
Die Reaktion hängt von Temperament, Erfahrung und Haltungsform ab. Junge, unerfahrene Pferde reagieren stärker, weil sie weniger Geräusche als harmlos einordnen können. Pferde in Offenstallhaltung sind Wind gewöhner und reagieren gelassener als Boxenpferde, die selten Windkontakt haben. Rassen mit hohem Fluchttrieb – Araber, Vollblüter – zeigen tendenziell stärkere Reaktionen als ruhigere Rassen.
Sollte man bei starkem Wind aufs Reiten verzichten?
Bei Sturmwarnung ab Windstärke 8 ja – das Risiko durch umstürzende Äste, fliegende Gegenstände und panische Pferde ist zu hoch. Bei Windstärke 5 bis 7 empfehle ich, in die Halle auszuweichen und die Arbeit auf Schritt und leichten Trab zu beschränken. Im Freien nur auf bekannten Wegen und nie allein reiten.
Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.