WBGT-Index für Pferde – Hitzestress mit einer Formel einschätzen

Temperatur allein sagt nichts – warum Luftfeuchtigkeit den Unterschied macht
32 Grad bei 30 Prozent Luftfeuchtigkeit in der Lüneburger Heide – Ihr Pferd schwitzt effizient, der Schweiß verdunstet, die Kühlung funktioniert. 32 Grad bei 75 Prozent Luftfeuchtigkeit im Oberrheingraben – Ihr Pferd schwitzt genauso, aber der Schweiß verdunstet kaum, die Kühlwirkung bricht zusammen, die Kerntemperatur steigt. Dieselbe Temperatur, grundlegend verschiedene Belastung. Wer nur auf das Thermometer schaut, um zu entscheiden, ob er reiten kann, macht den gravierendsten Fehler im sommerlichen Pferdemanagement.
Der WBGT-Index – Wet Bulb Globe Temperature – ist das Werkzeug, das diesen Fehler korrigiert. Er kombiniert Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung in einen einzigen Wert, der die tatsächliche Wärmebelastung auf einen lebenden Organismus beschreibt. Entwickelt wurde er in den 1950er Jahren für das US-Militär, um Hitzeschäden bei Soldaten zu vermeiden. Eine japanische Studie an Rennpferden hat die Relevanz dieses Index für Pferde unmissverständlich belegt: Bei einem WBGT-Wert über 28 Grad steigt das Risiko für exertionale Hitzekrankheit um 28,5 Prozent im Vergleich zu Bedingungen unter 20 Grad. Das sind keine Labordaten – das sind reale Erkrankungsraten bei realen Pferden unter realen Bedingungen. Und trotzdem kenne ich keinen einzigen Privatstall in Deutschland, der den WBGT routinemäßig misst. Das muss sich ändern.
WBGT und Heat Index – Berechnung und Interpretation
Ich verwende in meiner Praxis zwei Systeme parallel, weil sie für unterschiedliche Situationen geeignet sind. Der WBGT-Index ist der präzisere, der Heat Index der praktischere.
Der WBGT berechnet sich aus drei Messungen: der natürlichen Feuchttemperatur, der Globetemperatur – die die Strahlungswärme erfasst – und der Trockentemperatur. Die Formel lautet: WBGT = 0,7 mal Feuchttemperatur plus 0,2 mal Globetemperatur plus 0,1 mal Trockentemperatur. Für die Messung brauchen Sie eine spezielle WBGT-Station mit Feucht- und Globethermometer – im professionellen Pferdesport zunehmend üblich, im Privatstall unrealistisch. Deshalb empfehle ich den Heat Index als Alltagsalternative.
US Equestrian verwendet eine vereinfachte Formel: Heat Index gleich Temperatur in Fahrenheit plus relative Luftfeuchtigkeit in Prozent. Bei einem Heat Index über 180 empfiehlt der Verband, Veranstaltungen zu verschieben oder abzusagen. Umgerechnet auf Celsius und für den Alltag angepasst, verwende ich folgende Faustregel: Addieren Sie die Temperatur in Grad Celsius und die relative Luftfeuchtigkeit in Prozent. Liegt die Summe unter 120 – normales Training. Zwischen 120 und 150 – nur leichtes Training. Über 150 – kein Reiten.
Ein Beispiel: 28 Grad und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit ergibt eine Summe von 83 – grünes Licht für moderates Training. 33 Grad und 65 Prozent ergibt 98 – in der Celsius-Faustregel noch unter 120, aber die Belastung steigt spürbar. 35 Grad und 70 Prozent ergibt 105 – immer noch unter der kritischen Schwelle, aber erfahrene Reiter spüren die Grenze. Ab 36 Grad und 85 Prozent wird die Summe 121, und hier beginnt die Zone, in der ich Training nur noch im Schritt erlaube. Diese Werte sind Richtwerte für gesunde, akklimatisierte Pferde – für untrainierte, übergewichtige oder ältere Pferde liegen die Grenzen niedriger.
WBGT im Alltag nutzen – Apps, Stationen und Entscheidungsschwellen
Seit zwei Jahren empfehle ich jedem Stall, den ich berate, eine einfache Wetterstation mit Temperatur- und Feuchtigkeitssensor im Reitplatzbereich – nicht im Stall, nicht im Schatten, sondern dort, wo geritten wird. Die meisten Wetterstationen kosten unter 50 Euro und zeigen die beiden Werte an, die Sie für die Celsius-Faustregel brauchen. Morgens vor dem Reiten draufschauen, Summe bilden, Entscheidung treffen. Das dauert 10 Sekunden und kann ein Pferdeleben retten.
Für ambitioniertere Nutzer gibt es mittlerweile Smartphone-Apps, die den WBGT oder Heat Index automatisch berechnen – auf Basis von GPS-Standort und lokalen Wetterdaten. Die Genauigkeit variiert, weil die Apps keine lokale Strahlung messen, aber für eine grobe Einschätzung reichen sie. Ich nutze selbst eine solche App und vergleiche die Werte regelmäßig mit meiner Wetterstation – die Abweichung liegt typischerweise bei 2 bis 3 Grad, was für Alltagsentscheidungen ausreicht. Professionelle WBGT-Stationen, wie sie im Turniersport zunehmend eingesetzt werden, kosten zwischen 200 und 500 Euro und liefern präzisere Werte – eine Investition, die für Turnierveranstalter und große Reitanlagen sinnvoll ist.
Die entscheidende Frage ist nicht die Messtechnik, sondern die Konsequenz: Wie viele Reiter schauen tatsächlich auf den Index, bevor sie aufsitzen? In den Ställen, die ich betreue, hängt die Faustregel-Tabelle im Reiterstübchen direkt neben der Uhr. Seit wir sie eingeführt haben, hat kein Pferd mehr Hitzestresssymptome nach dem Training gezeigt. Das ist kein Zufall – es ist das Ergebnis einer Entscheidung, die auf Zahlen basiert statt auf Gefühl. Ich drucke die Tabelle auf wasserfestes Papier und laminiere sie – nach einem Sommer im Reiterstübchen sieht sie sonst aus wie ein Schlachtfeld.
Ein letzter Punkt, der gerne vergessen wird: Der WBGT-Wert ändert sich im Tagesverlauf. Morgens um 7 Uhr kann er bei 18 liegen, um 14 Uhr bei 30. Wer morgens entscheidet, dass heute Training möglich ist, und dann um 16 Uhr reitet, hat eine andere Situation. Messen Sie immer unmittelbar vor dem Reiten, nicht Stunden vorher. Mehr zum Gesamtthema Hitzestress finden Sie im Beitrag zum Hitzschlag beim Pferd.
Ab welchem WBGT-Wert sollte man nicht mehr reiten?
Ab einem WBGT-Wert von 28 Grad steigt das Risiko für Hitzekrankheit um fast 30 Prozent. Als Faustregel für den Alltag: Addieren Sie Temperatur in Celsius und Luftfeuchtigkeit in Prozent. Unter 120 – normales Training. Zwischen 120 und 150 – nur Schritt. Über 150 – kein Reiten. Diese Schwellen gelten für gesunde, akklimatisierte Pferde.
Wo kann man den aktuellen WBGT-Wert ablesen?
Eine einfache Wetterstation mit Temperatur- und Feuchtigkeitssensor am Reitplatz reicht für die Celsius-Faustregel. Für den WBGT-Wert gibt es Smartphone-Apps, die auf Basis lokaler Wetterdaten berechnen. Professionelle WBGT-Messstationen werden zunehmend im Turniersport eingesetzt, sind aber für den Privatstall meist nicht nötig.
Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.