Regendecke fürs Pferd – wann sie sinnvoll ist und worauf es beim Kauf ankommt

Regendecke ja oder nein – eine Entscheidung mit Folgen
Letzten Oktober habe ich ein Pferd gesehen, das seit drei Wochen eine Regendecke trug – durchgehend, Tag und Nacht. Darunter war die Haut feucht, das Fell verfilzt, und im Schulterbereich hatte sich eine kahle Stelle gebildet, an der die Decke gescheuert hatte. Die Besitzerin meinte es gut: „Bei dem Regen doch besser mit Decke als ohne.“ Das Ergebnis war das Gegenteil von Schutz. Eine Regendecke ist ein Werkzeug mit einem klar definierten Einsatzzweck – und wenn man diesen Zweck nicht kennt, richtet sie mehr Schaden an als Regen allein.
Die thermoneutrale Zone eines gesunden Pferdes mit vollem Winterfell reicht von minus 15 bis plus 25 Grad. In diesem Bereich reguliert der Pferdekörper seine Temperatur über natürliche Mechanismen – Piloerektion, Vasokonstriktion, Fellstruktur. Das Winterfell eines ungeschorenen Pferdes ist wasserabweisend: Die äußere Schicht aus Deckhaaren leitet Regen ab, die innere Schicht aus feinem Unterhaar hält Luft fest und isoliert. Dieses System funktioniert gut – solange das Fell trocken bleibt oder nur oberflächlich nass wird. Es versagt, wenn das Pferd stundenlang im strömenden Regen steht und das Wasser die isolierende Luftschicht durchdringt. Genau in diesem Moment – und nur in diesem Moment – ist eine Regendecke sinnvoll.
Wassersäule, Denier, Futter – die technischen Kriterien
Beim Kauf einer Regendecke stehen drei Kennzahlen auf dem Etikett, die über die Funktion entscheiden. Ich erkläre sie so, wie ich sie meinen Kunden erkläre – ohne Marketingfloskeln.
Die Wassersäule gibt an, wie viel hydrostatischen Druck das Deckenmaterial aushält, bevor Wasser durchdringt. Gemessen wird in Millimetern. Eine Wassersäule von 3000 Millimetern ist das Minimum für eine brauchbare Regendecke – das bedeutet, eine Wassersäule von 3 Metern Höhe müsste auf dem Material stehen, bevor es durchlässt. In der Praxis heißt das: Kurzfristiger Regen wird zuverlässig abgehalten. Bei Dauerregen über Stunden oder wenn das Pferd sich im Nassen wälzt, empfehle ich 5000 Millimeter oder mehr. Unter 3000 Millimeter verkaufte Decken sind keine Regendecken, sondern Übergangsdecken für leichten Nieselregen.
Denier beschreibt die Reißfestigkeit des Außenmaterials – eine höhere Zahl bedeutet robusteres Gewebe. 600 Denier ist der Standard für normale Nutzung. 1200 Denier empfehle ich für Pferde, die in der Herde stehen und an Decken gegenseitig zerren, oder für Pferde, die sich an Zäunen und Bäumen scheuern. Die Denierzahl sagt nichts über die Wasserdichtigkeit aus – ein 1200-Denier-Stoff kann trotzdem eine niedrige Wassersäule haben.
Die Atmungsaktivität ist der dritte Faktor und der am häufigsten unterschätzte. Gemessen in Gramm Wasserdampf pro Quadratmeter pro 24 Stunden, beschreibt sie, wie viel Feuchtigkeit von innen nach außen entweichen kann. Ein Pferd produziert durch Körperwärme und Transpiration ständig Feuchtigkeit. Wenn die Decke nicht atmet, staut sich diese Feuchtigkeit unter dem Material, das Fell wird nass von innen statt von außen, und die Isolationswirkung geht verloren – genau das Problem, das die Decke verhindern sollte. Die Studie der Universität Mailand zeigte, dass Pferde in Offenstallhaltung im Sommer und Herbst erhöhte Stresswerte aufweisen – permanentes Tragen einer schlecht atmenden Decke kann diesen Stress zusätzlich verstärken. Ich empfehle eine Atmungsaktivität von mindestens 3000 g/m2/24h.
Wann die Regendecke aufgelegt wird – und wann sie schadet
Meine Grundregel ist einfach: Eine Regendecke kommt nur auf ein ungeschorenes Pferd, das bei Dauerregen ohne Unterstandmöglichkeit auf dem Paddock oder der Weide steht. In allen anderen Situationen ist sie überflüssig oder kontraproduktiv.
Kontraproduktiv ist sie bei trockenem Wetter – sie komprimiert das Fell und zerstört die natürliche Luftisolation. Kontraproduktiv bei milden Temperaturen über 10 Grad und Regen – das Pferd schwitzt unter der Decke und wird von innen nass. Kontraproduktiv bei Pferden, die einen funktionierenden Unterstand haben und selbst entscheiden können, ob sie im Regen stehen oder sich unterstellen. Pferde sind keine hilflosen Geschöpfe – sie suchen Schutz, wenn sie ihn brauchen. Ein Pferd, das bei leichtem Regen auf der Koppel grast statt sich unterzustellen, braucht keine Decke.
Sinnvoll ist die Regendecke bei anhaltendem Starkregen in Kombination mit Wind, wenn die Temperatur unter 5 Grad liegt und kein Unterstand vorhanden ist. In dieser Situation durchdringt Wasser das Winterfell, die Luftisolation bricht zusammen, und der Windchill-Effekt auf nassem Fell senkt die effektive Temperatur um bis zu 15 Grad. Hier schützt die Regendecke nicht vor der Kälte, sondern vor dem Wasserverlust der Isolation – ein subtiler, aber entscheidender Unterschied. Ich schätze, dass in einem durchschnittlichen deutschen Herbst und Winter etwa 15 bis 20 Tage auftreten, an denen eine Regendecke für ungeschorene Pferde ohne Unterstand tatsächlich sinnvoll ist. An den restlichen 150 Regentagen des Jahres kommt das Winterfell allein zurecht.
Noch ein Fehler, den ich regelmäßig sehe: Die Regendecke wird abends aufgelegt und morgens abgenommen, unabhängig vom tatsächlichen Wetter. Das führt dazu, dass das Pferd in der wärmeren Tagesmitte unter einer Decke schwitzt, die es erst am kühlen Abend wieder bekommt. Besser: Die Decke nach dem tatsächlichen Wetterbericht auflegen und abnehmen – und im Zweifelsfall lieber weglassen als unnötig aufdecken. Das natürliche Fell leistet in den meisten Situationen bessere Arbeit als jede Decke. Mehr zur Grundfrage „Decke oder kein Decke“ finden Sie im Beitrag zu Pferden bei Regen und Sturm.
Wie hoch sollte die Wassersäule einer Regendecke sein?
Mindestens 3000 Millimeter für normalen Regen, 5000 Millimeter oder mehr für Dauerregen und Pferde, die sich im Nassen wälzen. Unter 3000 Millimetern bietet die Decke keinen zuverlässigen Regenschutz und ist eher als Übergangsdecke für leichten Nieselregen geeignet.
Kann eine Regendecke den natürlichen Fellschutz beeinträchtigen?
Ja. Eine Regendecke komprimiert das Fell und zerstört die natürliche Luftisolation, die durch Piloerektion entsteht. Bei trockenem Wetter oder milden Temperaturen über 10 Grad verschlechtert die Decke die Thermoregulation statt sie zu verbessern. Dauerhaftes Tragen kann außerdem die Haut schädigen und das Winterfellwachstum beeinträchtigen.
Geschrieben von der Redaktion „Wetter Pferd”.