Klimawandel und Pferdehaltung – wie steigende Temperaturen das Management verändern

Updated Juli 2026
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Trockene Pferdeweide unter heißer Sommersonne

Mehr Hitzetage, stärkere Stürme – was kommt auf Pferdehalter zu?

Im Sommer 2025 habe ich zum dritten Mal in Folge Ställe beraten, in denen Pferde Hitzschlagsymptome zeigten – nicht bei exotischen 40 Grad, sondern bei 34 bis 36 Grad, Temperaturen, die in Norddeutschland vor zwanzig Jahren ein seltenes Extremereignis waren und heute mehrere Wochen pro Sommer andauern. Die Klimadaten lassen keinen Zweifel: Was wir heute als „heißen Sommer“ erleben, wird in zehn Jahren der Normalfall sein. Und die Pferdehaltung muss sich anpassen – nicht irgendwann, sondern jetzt.

Eine japanische Studie an Rennpferden zeigt, was auf dem Spiel steht: Bei einem WBGT-Wert über 28 Grad steigt das Risiko für exertionale Hitzekrankheit um 28,5 Prozent. Wenn die Zahl der Tage mit solchen WBGT-Werten in Deutschland von derzeit 15 bis 20 pro Jahr auf 30 bis 40 steigt – was Klimamodelle für 2035 prognostizieren – verdoppelt sich die Belastungsperiode für jedes Pferd, das in diesem Land gehalten wird. Das ist keine ferne Zukunftsvision, sondern eine Entwicklung, die bereits im Gang ist. Deutschland hat 2024 bereits den sechsten Sommer in Folge erlebt, dessen Durchschnittstemperatur über dem langjährigen Mittel lag. Die Ausnahme ist zur Regel geworden.

Temperaturen, Extremwetter und die Prognosen für Mitteleuropa

Ich bin kein Klimaforscher, aber ich lese die Daten und übersetze sie in Konsequenzen für meinen Arbeitsbereich. Was die Klimaforschung für Mitteleuropa projiziert, betrifft die Pferdehaltung auf drei Ebenen.

Erstens: mehr und längere Hitzeperioden. Die Durchschnittstemperatur in Deutschland ist seit 1881 um 1,8 Grad gestiegen. Die Zahl der heißen Tage – Tage mit über 30 Grad – hat sich in vielen Regionen verdoppelt. Die Hitzeakklimatisierung, die Pferde in drei Wochen bei konstant hohen Temperaturen entwickeln können und die nachweislich das Schlagvolumen des Herzens und die Belastungstoleranz verbessert, funktioniert bei wechselhaftem Wetter nicht – und genau dieses wechselhafte Muster aus kurzen Hitzewellen und kühleren Phasen ist typisch für den mitteleuropäischen Sommer. Pferde können sich nicht stabil akklimatisieren, weil die Hitze nicht konstant genug ist.

Zweitens: veränderte Niederschlagsmuster. Weniger, aber heftigere Regenfälle bedeuten einerseits Trockenperioden mit verknapptem Wasser und ausgetrockneten Weiden, andererseits Starkregenereignisse, die Paddocks überfluten und Matschprobleme verschärfen. Diese Extreme innerhalb einer Saison stellen Stallbetreiber vor die Aufgabe, gleichzeitig auf Hitze und auf Überflutung vorbereitet zu sein.

Drittens: häufigere und stärkere Unwetter. Mehr Gewitter, mehr Sturmböen, mehr Blitzeinschläge – die Zahl der Gewitter in Deutschland liegt je nach Region bei 10 bis 35 pro Jahr, und die Prognosen deuten auf eine Zunahme hin. Für Pferde auf offenen Weiden bedeutet jedes Gewitter ein Lebensrisiko, das durch rechtzeitiges Einstallen oder adäquaten Blitzschutz gemanagt werden muss. Die Versicherungskosten für Pferde steigen bereits – ein Indikator dafür, dass auch die Versicherer das erhöhte Wetterrisiko einpreisen.

Und viertens ein Aspekt, der erst in den letzten Jahren Aufmerksamkeit bekommt: Genetische Marker für die Anpassungsfähigkeit an Hitze rücken in den Fokus der Forschung. Marker rund um das Gen KCNE4, die mit chronischer Anhidrose – dem Verlust der Schweißfähigkeit – assoziiert sind, zeigen, dass die Fähigkeit zur Hitzeregulation genetisch begrenzt ist. Nicht jedes Pferd kann sich an steigende Temperaturen anpassen, und nicht jede Rasse bringt die genetische Ausstattung mit, die in Zukunft nötig sein wird. Die Zucht muss diese Erkenntnisse aufgreifen – Hitzetoleranz wird von einer Randbedingung zu einem Selektionskriterium.

Anpassungsstrategien – vom Stallbau bis zur Rasseauswahl

Dr. Klaus Miesner, Vorstand Zucht bei Pferdesport Deutschland, beobachtet, dass viele Züchter angesichts gestiegener Kosten vorsichtig agieren und ihren Stutenbestand genauer prüfen als zuvor. Ich würde ergänzen: Sie sollten nicht nur die Kosten prüfen, sondern auch die Klimaeignung. Eine Zucht, die ausschließlich auf Leistung und Exterieur selektiert und die Hitzetoleranz ignoriert, produziert Pferde, die in 15 Jahren unter den herrschenden Sommerbedingungen nicht mehr gesund gehalten werden können.

Im Stallbau sehe ich drei konkrete Handlungsfelder: Erstens Belüftung. Geschlossene Ställe, die für den norddeutschen Winter optimiert wurden, werden im Sommer zu Hitzefallen. Jeder Neubau sollte maximale Querventilation vorsehen – offene Giebel, steuerbare Seitenwände, Dachfirst-Lüftung. Bei Bestandsgebäuden: Fenster vergrößern, Deckenventilatoren installieren, Tore im Sommer offenlassen.

Zweitens Schatten auf Weiden und Paddocks. Bäume pflanzen – jetzt. Eine Eiche braucht 20 Jahre, bis sie wirksamen Schatten wirft. Wer heute nicht pflanzt, hat 2045 keinen Schatten. In der Zwischenzeit: Sonnensegel, Unterstanddächer mit UV-reflektierender Beschichtung, mobile Schattenspender. Ich habe in einem Stall in Brandenburg berechnet, dass die Installation von drei permanenten Sonnensegeln über dem Paddock die Oberflächentemperatur darunter um 8 bis 12 Grad senkt – eine Maßnahme, die weniger als 3000 Euro gekostet hat und seit drei Sommern keinen einzigen Hitzestressfall mehr zugelassen hat.

Drittens Wasserversorgung. Selbsttränken mit ausreichender Kapazität, Leitungen in frostsicherer Tiefe, isolierte Tröge, die im Sommer das Wasser kühl halten und im Winter nicht einfrieren. Die Investition in eine robuste Wasserinfrastruktur ist die sicherste Anlage gegen den Klimawandel – denn egal, wie sich die Temperaturen entwickeln, Wasser bleibt der limitierende Faktor. In Deutschland leben rund 1,3 Millionen Pferde, gehalten von etwa 900000 Besitzern. Wenn jeder dieser Halter die Wasserkapazität um 30 Prozent erweitert, ist das ein nationaler Puffer, der Dürresommer abfedern kann – statt eines reaktiven Notfallmanagements, wenn die Tränken leer sind.

Abschließend ein Gedanke, der über das einzelne Pferd hinausgeht: Die Pferdebranche insgesamt muss klimabewusster werden. Stallneubauten ohne Sommerlüftung, Turnierveranstaltungen bei 36 Grad ohne Abkühlzonen, Zuchtentscheidungen ohne Berücksichtigung der Hitzetoleranz – all das sind Praktiken, die in einer sich erwärmenden Welt nicht mehr zeitgemäß sind. Wer heute vorausschauend plant, schützt nicht nur seine Pferde, sondern sichert auch den wirtschaftlichen Bestand seiner Haltung. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen Konsequenzen finden Sie im Überblicksartikel zu Wetter und Pferd.

Wie beeinflusst der Klimawandel die Pferdehaltung in Deutschland konkret?

Die Zahl der Hitzetage über 30 Grad hat sich bereits verdoppelt und wird weiter steigen. Das bedeutet: längere Belastungsperioden im Sommer, häufigere Hitzestressfälle, veränderte Niederschlagsmuster mit Trockenperioden und Starkregenereignissen sowie mehr Unwetter. Stallbetreiber müssen gleichzeitig auf Hitze, Überflutung und extremes Wetter vorbereitet sein.

Müssen Stallkonzepte in Zukunft umgebaut werden?

Ja. Geschlossene, schlecht belüftete Ställe, die für kühle Winter optimiert wurden, werden im Sommer zur Gesundheitsgefahr. Maximale Querventilation, Deckenventilatoren, Schattenkonzepte für Paddocks und eine robuste Wasserinfrastruktur sind die wichtigsten Anpassungen. Bei Neubauten sollte Sommerbelüftung gleichwertig mit Winterisolierung geplant werden.

Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.