Wetterstress und Cortisol – was das Haar Ihres Pferdes über saisonalen Stress verrät

Updated Juli 2026
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Nahaufnahme einer Pferdemähne im Herbstlicht

Haarcortisol als Stressbarometer – ein neuer Blick auf Wetterstress

Vor drei Jahren bin ich auf eine Studie gestoßen, die meine Perspektive auf saisonalen Stress bei Pferden grundlegend verändert hat. Forscher der Universität Mailand haben bei Pferden in Offenstallhaltung den Cortisolgehalt in der Mähne gemessen – nicht im Blut, nicht im Speichel, sondern im Haar. Und die Ergebnisse waren eindeutig: Der Cortisolspiegel variiert signifikant mit der Jahreszeit. Das Haar speichert Cortisol über Wochen, was es zu einem verlässlicheren Indikator für chronischen Stress macht als eine einzelne Blutprobe, die nur den Momentanzustand zeigt.

Warum interessiert mich das als Praktiker? Weil es zum ersten Mal einen messbaren, objektiven Beweis dafür liefert, dass Wetter und Jahreszeit den Stresslevel eines Pferdes beeinflussen – nicht nur subjektiv wahrgenommen durch den Besitzer, sondern biochemisch nachweisbar im Haar des Tieres. Das gibt uns ein Werkzeug, das über Beobachtung und Bauchgefühl hinausgeht.

Die Mailänder Studie – saisonale Cortisol-Unterschiede bei Pferden

Mazzola und Kollegen von der Università di Milano untersuchten Pferde in verschiedenen Haltungsformen und maßen den Haarcortisolgehalt über den gesamten Jahresverlauf. Das zentrale Ergebnis: Pferde in Offenstallhaltung wiesen im Sommer und Herbst signifikant höhere Cortisolwerte in der Mähne auf als im Frühling. Der Frühling zeigte die niedrigsten Stresswerte in allen Haltungsgruppen.

Das ist bemerkenswert, weil es zwei weit verbreitete Annahmen widerlegt. Erstens: Die Annahme, dass der Winter die stressigste Jahreszeit für Pferde in Offenstallhaltung sei. Die Daten zeigen das Gegenteil – der Winter liegt unter den Sommer- und Herbstwerten. Zweitens: Die Annahme, dass Hitzestress ein akutes, vorübergehendes Ereignis sei. Die erhöhten Haarcortisolwerte im Sommer deuten auf chronischen Stress hin, nicht auf einzelne Spitzenbelastungen – das Haar wächst etwa einen Zentimeter pro Monat und akkumuliert Cortisol über Wochen. Die gemessenen Werte spiegeln also einen Dauerzustand wider.

Die erhöhten Herbstwerte lassen sich durch die Kumulation aus Sommerstress, Fellwechsel, Futterumstellung und Wetterschwankungen erklären. Der Körper hat im Herbst sozusagen die Rechnung des Sommers noch nicht bezahlt und wird gleichzeitig mit neuen Stressoren konfrontiert. Der niedrige Frühlingswert macht ebenfalls Sinn: stabile Temperaturen, steigendes Licht, Weidegang – die physiologisch günstigste Kombination für ein Pferd.

Für mich war besonders aufschlussreich, dass die Cortisolwerte im Winter – entgegen meiner Erwartung – nicht die höchsten waren. Das passt zu dem, was ich in der Praxis sehe: Pferde, die an stabile Winterbedingungen gewöhnt sind, zeigen weniger Stressanzeichen als Pferde im Übergang zwischen den Jahreszeiten. Es sind nicht die Extremtemperaturen, die chronischen Stress erzeugen – es ist der Wandel, die Instabilität, die ständige Anpassung an neue Bedingungen.

Ein Aspekt der Studie, der in der Fachpresse untergeht, den ich aber für die Praxis wichtig finde: Die Haltungsform beeinflusste die Cortisolmuster. Pferde in Offenstallhaltung zeigten stärkere saisonale Schwankungen als Pferde in Boxenhaltung – was naheliegend ist, weil sie den Wetterbedingungen stärker ausgesetzt sind. Aber es bedeutet nicht, dass Offenstall schlechter ist: Die Gesamtcortisolwerte waren nicht generell höher, nur die Schwankungen waren ausgeprägter. Ein gut gemanagter Offenstall mit Schattenplätzen, Windschutz und adäquatem Futterangebot kann die Spitzen abfangen.

Was die Ergebnisse für Ihren Stall bedeuten

Ich nutze die Erkenntnisse aus der Mailänder Studie mittlerweile aktiv in meiner Beratung. Drei konkrete Schlussfolgerungen ziehe ich daraus.

Erstens: Sommermanagement ist nicht optional. Wenn die Cortisolwerte im Sommer messbar steigen, reicht es nicht, auf den Herbst zu warten und dann die Wintervorbereitungen zu treffen. Hitze- und Insektenstress im Sommer müssen aktiv gemanagt werden – Schatten, Ventilation, angepasste Arbeitszeiten, Insektenschutz. Jeder Tag mit hohem Stresslevel im Sommer addiert sich zum chronischen Bild, das im Herbst als Erschöpfung, Immunschwäche oder Verhaltensauffälligkeiten sichtbar wird. Die thermoneutrale Zone des Pferdes endet bei plus 25 Grad – jeder Grad darüber ist Stress, und die deutschen Sommer liegen zunehmend und regelmäßig über dieser Grenze.

Zweitens: Der Herbst braucht eine aktive Erholungsphase. Wenn der Cortisolspiegel im Herbst am höchsten ist, sollte das Management in dieser Jahreszeit auf Stressreduktion ausgerichtet sein – nicht auf neue Belastungen wie abrupte Stallwechsel, Turniervorbereitungen oder radikale Futterumstellungen. In den Ställen, die ich betreue, empfehle ich im Oktober und November eine reduzierte Trainingsintensität und eine besonders behutsame Übergangsphase von Sommer- auf Wintermanagement.

Drittens: Haarcortisol ist ein Monitoring-Tool, das in der Praxis angekommen ist. Mehrere Labore in Deutschland bieten Haarcortisolanalysen für Pferde an. Der Test ist einfach – ein paar Zentimeter Mähne abschneiden und einschicken – und liefert ein objektives Bild des Stresslevels über die vergangenen Wochen. Ich empfehle ihn besonders für Pferde, die im Herbst und Winter auffällig werden: Leistungsabfall, Gewichtsverlust, Fellprobleme, Verhaltensänderungen. Oft zeigt der Cortisolwert eine Belastung, die mit bloßem Auge noch nicht sichtbar ist. In einem Stall, den ich berate, habe ich Haarcortisolmessungen als festen Bestandteil des Herbst-Checks eingeführt – die Ergebnisse haben in drei Fällen zu Managementänderungen geführt, die das Wohlbefinden der Pferde nachweislich verbessert haben.

Noch eine praktische Anwendung, die ich schätze: Der Vergleich über mehrere Jahre. Wenn Sie jedes Frühjahr und jeden Herbst eine Probe nehmen, bekommen Sie eine individuelle Stresskurve für Ihr Pferd. Veränderungen im Muster – etwa ein plötzlich erhöhter Frühjahrswert, der sonst immer niedrig war – können auf ein gesundheitliches Problem hinweisen, lange bevor klinische Symptome auftreten. Das ist Prävention im besten Sinne.

Was ich bei aller Begeisterung für diese Daten nicht vergessen möchte: Haarcortisol ist ein Marker, kein Diagnosetool. Ein erhöhter Wert sagt „Stress“, aber nicht „welcher Stress“. Die Ursachensuche bleibt Aufgabe des erfahrenen Halters und des Tierarztes. Trotzdem – als Ergänzung zur klinischen Beobachtung ist es ein Gewinn, der die Diskussion über saisonalen Wetterstress auf eine sachliche Grundlage stellt. Einen breiteren Überblick dazu bietet der Hauptartikel zu Wetter und Pferd.

Kann man den Cortisolspiegel eines Pferdes selbst messen lassen?

Ja. Mehrere Labore in Deutschland bieten Haarcortisolanalysen für Pferde an. Dafür werden einige Zentimeter Mähnenhaar abgeschnitten und eingeschickt. Das Ergebnis zeigt den durchschnittlichen Cortisolspiegel der vergangenen Wochen – ein objektiveres Bild als eine Einzelmessung im Blut. Die Kosten liegen typischerweise zwischen 40 und 80 Euro.

In welcher Jahreszeit ist der Wetterstress bei Pferden am höchsten?

Nach der Mailänder Studie zeigen Pferde in Offenstallhaltung im Sommer und Herbst die höchsten Cortisolwerte – ein Marker für chronischen Stress. Der Frühling ist die stressärmste Jahreszeit. Die erhöhten Sommerwerte werden durch Hitze und Insekten erklärt, die Herbstwerte durch die Kumulation aus Sommerstress, Fellwechsel und Futterumstellung.

Erstellt vom Redaktionsteam „Wetter Pferd”.