Reiten bei Kälte – Aufwärmen, Atemwegsschutz und Trainingsregeln im Winter

Updated Juli 2026
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Reiter auf einem Pferd in einer verschneiten Reithalle

Minusgrade in der Reithalle – worauf Sie vor dem Aufsteigen achten müssen

Minus 8 Grad, die Atemwolken stehen in der Luft, und trotzdem wird in der Reithalle gearbeitet. Ich sehe das jeden Winter, und ich frage mich jedes Mal, wie viele Reiter wissen, was gerade in den Atemwegen ihres Pferdes passiert. Dr. David Marlin, Physiologe und Biochemiker, hat es in einer Deutlichkeit formuliert, die mir im Gedächtnis geblieben ist: Training in kalter Luft hat auf Pferde denselben Effekt wie auf Menschen, aber viele Pferdebesitzer sehen gar nicht ein, dass die Lungen von Pferden von der Kälte beeinflusst werden.

Die meisten Reiter denken beim Wintertraining an rutschige Böden und steife Pferde. Beides sind reale Probleme, aber das größere Risiko liegt unsichtbar in der Luft. Ein Pferd atmet bei Galopparbeit bis zu 1500 Liter Luft pro Minute ein – wenn diese Luft minus 5 Grad kalt ist, trifft sie auf Schleimhäute, die 37 Grad warm sind. Dieser Temperatursturz von über 40 Grad auf einer Strecke von weniger als einem Meter – von der Nüster bis zu den tiefen Atemwegen – ist eine enorme physiologische Belastung, die viele Pferdebesitzer schlicht unterschätzen.

Das bedeutet nicht, dass Sie Ihr Pferd den ganzen Winter in der Box lassen sollen. Es bedeutet, dass Sie Ihr Wintertraining anpassen müssen – in Intensität, Dauer und vor allem in der Aufwärmphase.

Aufwärmen bei Kälte – warum 15 Minuten Schritt nicht reichen

Die Standardempfehlung „15 Minuten Schritt zum Aufwärmen“ höre ich in jedem Stall. Sie ist grundsätzlich richtig – im Sommer. Im Winter ist sie unzureichend, und ich erkläre Ihnen warum.

Beim Aufwärmen passieren drei Dinge gleichzeitig: Die Muskulatur wird durchblutet und geschmeidiger, die Gelenke produzieren mehr Synovialflüssigkeit, und die Atemwege werden auf die kommende Belastung vorbereitet. Bei Kälte verlangsamen sich alle drei Prozesse. Kalte Muskeln brauchen länger, um ihre Arbeitstemperatur zu erreichen. Kalte Gelenke sind steifer und verletzungsanfälliger. Und kalte Atemwege sind empfindlicher gegenüber plötzlichen Belastungsspitzen.

Mein Winterprotokoll sieht so aus: 20 Minuten Schritt als Minimum, davon die ersten 10 Minuten am langen Zügel ohne jegliche Anforderung an Stellung oder Biegung. In diesen 10 Minuten soll das Pferd frei den Hals fallen lassen, sich strecken und in seinem eigenen Rhythmus laufen. Danach 10 Minuten Schritt mit leichten Übergängen – Halteparaden, Seitengänge im Schritt, Volten auf 20 Metern. Erst danach Trab, und auch dann nur leichter Trab mit viel Vorwärts-Abwärts, kein Versammeln.

Bei Temperaturen unter minus 5 Grad verlängere ich die Schrittphase auf 25 bis 30 Minuten. Das klingt nach viel Zeit – und ja, es verkürzt die eigentliche Arbeitsphase erheblich. Aber ein Pferd, das nach einer kurzen Aufwärmung bei minus 10 Grad in den Galopp geschickt wird, riskiert nicht nur Muskelverletzungen, sondern belastet seine Atemwege mit einem Kaltluftstoß, der messbare Entzündungsreaktionen auslösen kann.

Ein Detail, das oft vergessen wird: Auch der Boden ist im Winter kälter, und kalte Böden leiten Wärme schneller aus den Hufen ab. Das klingt trivial, hat aber Konsequenzen für die Durchblutung der unteren Extremitäten. Pferde, die auf gefrorenem Boden standen, bevor sie in die Halle kommen, profitieren von ein paar Minuten ruhigem Stehen auf dem weicheren Hallenboden, bevor die eigentliche Schrittarbeit beginnt. Die Durchblutung der Huflederhaut braucht etwas Zeit, um sich zu normalisieren. Und damit sind wir beim nächsten Punkt.

Kalte Luft und Entzündung – was die Forschung zeigt

Die Forschungslage zu kalter Luft und Pferdelungen ist dünn, aber das Wenige, was wir wissen, ist beunruhigend genug, um es ernst zu nehmen. Dr. David Marlin berichtet von Untersuchungen, bei denen bereits bei Temperaturen um vier bis fünf Grad eine erhöhte Zahl an inflammatorischen Zellen in den Atemwegen nachgewiesen wurde. Nicht bei minus 20 – bei plus 4 Grad. Das ist eine Temperatur, die wir in einem deutschen Winter von November bis März fast täglich haben.

Was dabei passiert: Die eingeatmete kalte Luft trocknet die Schleimhäute der oberen und mittleren Atemwege aus. Die Schleimhäute reagieren mit einer lokalen Entzündungsreaktion – mehr Schleim, mehr Immunzellen, eine erhöhte Reizbarkeit der Bronchien. Bei einem einzelnen Training ist dieser Effekt vorübergehend und reversibel. Aber bei täglichem intensivem Training über einen ganzen Winter kann sich eine chronische Atemwegsreizung entwickeln, die im Frühjahr als „plötzlicher“ Husten oder reduzierte Leistungsfähigkeit auffällt – obwohl die Ursache Monate zurückliegt.

Pferde, die bereits eine Vorgeschichte mit Atemwegsproblemen haben – chronischer Husten, Equine Asthma, erhöhte Schleimproduktion – sind besonders gefährdet. Für diese Pferde empfehle ich bei Temperaturen unter null Grad maximal Schrittarbeit, keine Trab- oder Galopparbeit im Freien. In einer Reithalle, die durch die Körperwärme der Pferde und die geschlossene Bauweise einige Grad wärmer ist als die Außentemperatur, lässt sich die Belastung besser kontrollieren. Die Staubbelastung in der Halle muss allerdings im Auge behalten werden – trockene Winterluft und mangelnde Bewässerung des Hallenbodens erzeugen Feinstaub, der die ohnehin gereizten Atemwege zusätzlich belastet. Ein kurzes Bewässern vor dem Reiten gehört zum Winterstandard.

Ein praktischer Tipp, den ich in mehreren Ställen erfolgreich umgesetzt habe: Trainieren Sie an kalten Tagen Bodenarbeit statt Reitarbeit. Longenarbeit im Schritt und leichtem Trab, Führübungen, Freiarbeit – das hält das Pferd in Bewegung, ohne die Atemwege mit hohen Ventilationsraten zu belasten. Die Trainingsqualität leidet darunter nicht, im Gegenteil: Viele Pferde zeigen im Frühjahr bessere Ergebnisse, wenn sie den Winter über vielseitig gearbeitet wurden, statt dreimal pro Woche dasselbe Dressurprogramm in kalter Luft zu absolvieren.

Und eine grundlegende Regel, die ich nicht müde werde zu wiederholen: Reiten Sie niemals ein nasses Pferd bei Kälte in die Box oder auf den Paddock. Schweiß auf dem Fell in kalter Luft verdampft und entzieht dem Körper rapide Wärme – die Körperkerntemperatur kann innerhalb von Minuten absinken. Nach der Arbeit trocknen, Abschwitzdecke auflegen bis das Fell vollständig trocken ist, erst dann ohne Decke in den Stall. Im Beitrag über Pferde im Winter finden Sie weiterführende Informationen zur Thermoregulation bei Frost.

Ab welcher Temperatur sollte man auf intensives Training verzichten?

Intensives Training im Galopp empfehle ich ab minus 5 Grad nicht mehr, weil die Atemwegsbelastung durch kalte Luft bei hohen Ventilationsraten stark ansteigt. Moderate Arbeit im Trab ist bis etwa minus 10 Grad vertretbar, wenn eine ausgedehnte Aufwärmphase von mindestens 25 Minuten eingehalten wird. Unter minus 10 Grad beschränke ich die Arbeit auf Schritt und leichte Bodenarbeit.

Braucht ein Pferd im Winter eine längere Aufwärmphase?

Ja. Kalte Muskeln, Sehnen und Gelenke brauchen mehr Zeit, um ihre Arbeitstemperatur zu erreichen. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt empfehle ich mindestens 20 Minuten Schritt, unter minus 5 Grad 25 bis 30 Minuten. Die ersten 10 Minuten sollten am langen Zügel ohne Anforderung an Stellung oder Biegung erfolgen.

Verfasst vom Team von „Wetter Pferd”.