Ab wann Pferd eindecken? Temperaturgrenzen, Deckenarten und Entscheidungshilfe

Die häufigste Winterfrage – und warum es keine einfache Antwort gibt
Ich bekomme diese Frage jedes Jahr ab Oktober mindestens dreimal pro Woche: „Ab wie viel Grad muss ich eindecken?“ Und jedes Mal antworte ich mit einer Gegenfrage: „Sagen Sie mir erst, wie Ihr Pferd gehalten wird, ob es geschoren ist, wie alt es ist und wie sein Winterfell aussieht.“ Die Enttäuschung über die fehlende pauschale Gradzahl ist jedes Mal sichtbar – aber genau diese pauschale Antwort wäre der größte Fehler, den ich Ihnen geben könnte.
Die thermoneutrale Zone eines gesunden, erwachsenen Pferdes mit vollem Winterfell liegt zwischen minus 15 und plus 25 Grad Celsius. Das bedeutet: Ein Pferd mit intaktem Fellkleid friert bei null Grad nicht – es befindet sich noch komfortabel in seiner Komfortzone. Diese Tatsache überrascht viele Besitzer, die ihr eigenes Kälteempfinden auf ihr Tier projizieren. 75 Prozent der metabolischen Energie fließen im Winter in die Wärmeproduktion – der Pferdekörper ist eine hocheffiziente Heizung, solange man ihn lässt.
Das Problem beginnt dort, wo wir in dieses System eingreifen. Nicole Maier, Pferdeosteopathin und Dozentin an der Akademie für Tierheilkunde, formuliert es unmissverständlich: Bei eingedeckten Pferden ist der Stoffwechsel generell anfälliger, sie können quasi gar nicht mehr natürlich auf das Wetter reagieren. Eindecken ist keine neutrale Handlung – es ist ein Eingriff in die Thermoregulation, der Konsequenzen hat. Deshalb sollte die Entscheidung auf individuellen Faktoren basieren, nicht auf einem Blick aufs Thermometer.
Fell, Haltung, Gesundheit – die vier Kriterien für die Deckenentscheidung
In meiner Beratung arbeite ich mit vier Kriterien, die ich nacheinander prüfe. Erst wenn mindestens zwei davon in Richtung „eindecken“ zeigen, empfehle ich eine Decke – und dann die leichteste, die ausreicht.
Kriterium eins: der Fellzustand. Ein Pferd mit vollem, dichtem Winterfell braucht bei Temperaturen über minus 10 Grad keine Decke. Punkt. Das Winterfell funktioniert über Piloerektion – die Haare stellen sich auf und schaffen eine isolierende Luftschicht. Eine Decke komprimiert diese Luftschicht und kann die Isolation sogar verschlechtern. Geschorene Pferde sind die offensichtliche Ausnahme: Wer das Fell entfernt hat, muss es durch eine Decke ersetzen. Ein vollgeschorenes Pferd braucht ab etwa 10 Grad eine leichte Decke, ab 5 Grad eine mittlere und unter null eine dicke Winterdecke. Diese Richtwerte verschieben sich je nach Wind und Nässe nach oben.
Kriterium zwei: die Haltungsform. Ein Pferd im Offenstall mit Unterstand kann sich Windschutz suchen und durch Bewegung Wärme erzeugen. Es braucht seltener eine Decke als ein Pferd in einer Box ohne Auslauf, das still steht und nicht aktiv Wärme produzieren kann. Allerdings – und das ist der entscheidende Punkt – muss der Offenstall tatsächlich einen funktionierenden Unterstand haben. Ein Paddock ohne Windschutz bei Dauerregen und minus 5 Grad ist keine „natürliche Haltung“, sondern eine Belastung. Nasses Fell verliert seine Isolierfähigkeit fast vollständig, weil das Wasser die Luftschicht zwischen den Haaren zerstört.
Kriterium drei: Alter und Gesundheit. Alte Pferde, Pferde mit Cushing-Syndrom, sehr dünne Pferde und Pferde in der Rekonvaleszenz haben eine reduzierte Fähigkeit zur Thermoregulation. Ein 25-jähriger Wallach mit Body Condition Score 3 von 9 hat schlicht nicht genug Körperfett, um als Isolator zu dienen, und nicht genug Muskelmasse, um durch Zittern ausreichend Wärme zu produzieren. Solche Pferde brauchen früher eine Decke als ein gesunder Sechsjähriger. Ich setze die Grenze bei Risikopferden etwa 10 Grad höher an als bei gesunden Tieren.
Kriterium vier: Wind und Niederschlag. Trockene Kälte ist harmlos, nasse Kälte mit Wind ist gefährlich. Ein Pferd, das bei 5 Grad im Dauerregen und Windstärke 5 auf einer offenen Koppel steht, hat eine effektive Temperatur nahe dem Gefrierpunkt. In dieser Situation ist eine wasserabweisende Decke sinnvoll – nicht wegen der Temperatur, sondern wegen der Kombination aus Nässe und Wind. Eine reine Stalldecke ohne Wassersäule hilft hier nichts.
Regendecke, Stalldecke, Outdoordecke – welche Decke wofür
Vergangenen Herbst habe ich bei einer Stallbesichtigung acht verschiedene Decken auf einem Pferd gefunden – über den Monat verteilt. Die Besitzerin wechselte täglich zwischen Regendecke, Stalldecke, leichter Outdoordecke und dicker Winterdecke, je nachdem, wie kalt ihr beim Blick aus dem Fenster war. Das Ergebnis: Das Pferd schwitzte unter der zu warmen Decke, die Feuchtigkeit staute sich, und die Haut darunter war in miserablem Zustand. Weniger wäre mehr gewesen.
Die Regendecke ist ungefüttert und wasserabweisend – sie schützt vor Nässe, nicht vor Kälte. Sie ist die richtige Wahl für ein ungeschorenes Pferd, das bei Dauerregen draußen steht. Ihr Zweck: das Fell trocken halten, damit die natürliche Isolation funktioniert. Mehr soll sie nicht leisten. Achten Sie auf eine Wassersäule von mindestens 3000 Millimetern und eine hohe Atmungsaktivität, sonst kondensiert die Körperfeuchtigkeit unter der Decke.
Die Stalldecke ist leicht gefüttert, aber nicht wasserdicht. Sie eignet sich für geschorene Pferde in der Box bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Draußen bei Regen ist sie nutzlos, weil sie durchnässt und dann kühlt statt wärmt. Trotzdem sehe ich sie regelmäßig auf Koppelpferden – ein Fehler, der zeigt, dass viele Besitzer die Deckentypen nicht unterscheiden.
Die Outdoordecke kombiniert Fütterung mit Wetterschutz: wasserabweisend, atmungsaktiv und in verschiedenen Füllstärken erhältlich. Für geschorene Pferde im Offenstall ist sie der Allrounder. Die Füllstärke richtet sich nach der Temperatur und dem Schurgrad: 100 Gramm für Temperaturen um den Gefrierpunkt, 200 Gramm für minus 5 bis minus 10, 300 Gramm oder mehr für strengen Frost. Diese Werte sind Richtwerte – beobachten Sie Ihr Pferd und passen Sie an. Ein Pferd, das unter der Decke schwitzt, ist schlechter dran als eines, das leicht fröstelt, denn Schweiß unter der Decke führt zu Hautproblemen und Unterkühlung, sobald die Decke entfernt wird.
Meine grundsätzliche Empfehlung: Decken Sie so spät wie möglich ein und so wenig wie nötig. Jeder Tag ohne Decke ist ein Tag, an dem der Körper Ihres Pferdes seine Thermoregulation trainiert und sein Winterfell optimal nutzen kann. Ein Blick auf die Grundlagen der winterlichen Thermoregulation macht deutlich, wie leistungsfähig dieses System tatsächlich ist – wenn wir es nicht stören.
Kann zu frühes Eindecken dem Pferd schaden?
Ja. Zu frühes Eindecken unterdrückt den natürlichen Winterfellaufbau, weil die Haut nicht den vollen Kältereiz bekommt, der die Fellproduktion stimuliert. Außerdem schwächt es die Thermoregulation – das Pferd wird abhängig von der Decke und kann Temperaturschwankungen schlechter ausgleichen. Im schlimmsten Fall schwitzt das Pferd unter einer zu warmen Decke, was Hautprobleme und Unterkühlung nach dem Abnehmen begünstigt.
Welche Deckenstärke passt zu welcher Temperatur?
Für geschorene Pferde gilt als Richtwert: ungefütterte Regendecke bei Nässe über 10 Grad, 100 Gramm Füllung bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, 200 Gramm bei minus 5 bis minus 10 Grad und 300 Gramm oder mehr bei strengem Frost. Ungeschorene Pferde mit vollem Winterfell brauchen in der Regel nur eine Regendecke bei anhaltendem Niederschlag – oder gar keine Decke.
Geschrieben von der Redaktion „Wetter Pferd”.