Reiten bei 30 Grad – ab wann es für Ihr Pferd gefährlich wird

Reiter auf einem Pferd bei sommerlicher Hitze auf dem Reitplatz

30 Grad auf dem Thermometer – was das für Ihr Pferd bedeutet

Es war ein Mittwochnachmittag im Juli, 31 Grad, und auf dem Reitplatz einer Anlage, die ich betreue, ritten noch fünf Reiter ihre Pferde im Trab und Galopp. Keiner von ihnen wusste, dass die Luftfeuchtigkeit an diesem Tag bei 65 Prozent lag – und dass diese Kombination aus Temperatur und Feuchtigkeit die Grenze dessen erreicht hatte, was ein Pferd unter Belastung sicher abführen kann. Ich habe die Reitstunde abgebrochen. Zwei der fünf Pferde hatten bereits erhöhte Atemfrequenzen.

30 Grad auf dem Thermometer sagen allein wenig darüber aus, ob Sie Ihr Pferd belasten können. Der entscheidende Faktor ist die Kombination aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit, gemessen als WBGT-Index – Wet Bulb Globe Temperature. Eine japanische Studie an Rennpferden hat gezeigt, dass bei einem WBGT-Wert über 28 Grad das Risiko für eine exertionale Hitzekrankheit um 28,5 Prozent steigt im Vergleich zu Bedingungen unter 20 Grad. Das bedeutet: 30 Grad bei trockener Luft sind eine andere Situation als 30 Grad bei 70 Prozent Luftfeuchtigkeit. Im ersten Fall kann Ihr Pferd noch effektiv schwitzen, im zweiten bricht die Kühlung zusammen.

US Equestrian empfiehlt, Veranstaltungen ab einem Heat Index von 180 zu verschieben – das ist die Summe aus Temperatur in Fahrenheit und relativer Luftfeuchtigkeit in Prozent. Umgerechnet auf unser System: 30 Grad Celsius bei 60 Prozent Luftfeuchtigkeit ergeben einen Heat Index von 146, also noch im grünen Bereich. Aber 35 Grad bei 65 Prozent sprengen die Grenze deutlich. Ich empfehle für den Alltag eine einfachere Faustregel: Addieren Sie die Temperatur in Celsius und die Luftfeuchtigkeit in Prozent. Liegt die Summe über 120, reduzieren Sie die Belastung auf Schritt. Über 150 – kein Reiten, nur passives Bewegen.

Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Belastungsgrenzen

Ich habe in den letzten Jahren eine Tabelle entwickelt, die ich in jedem Stall aushänge, den ich berate. Sie ist keine wissenschaftliche Präzisionsmessung, aber sie gibt Reitern eine praktische Orientierung, die besser funktioniert als das Bauchgefühl.

Bei Temperaturen bis 25 Grad und moderater Luftfeuchtigkeit unter 60 Prozent ist normales Training möglich – Dressur, Springen, Geländearbeit. Die thermoneutrale Zone des Pferdes, die von minus 15 bis plus 25 Grad reicht, wird nicht überschritten, und die Thermoregulation arbeitet im Normalmodus. Zwischen 25 und 30 Grad bei niedriger Feuchtigkeit bleibt moderates Training vertretbar, allerdings mit verlängerten Schrittpausen und konsequentem Abkühlen danach.

Zwischen 30 und 33 Grad wird es ernst. Hier entscheidet die Luftfeuchtigkeit über alles. Bei unter 40 Prozent Feuchtigkeit ist leichtes Training – vorwiegend Schritt mit kurzen Trabphasen – noch möglich, wenn das Pferd fit, gesund und akklimatisiert ist. Bei über 60 Prozent Feuchtigkeit rate ich vom Reiten ab. Ihr Pferd kann nicht mehr effektiv schwitzen, der Wärmeabfluss stockt, und die Kerntemperatur steigt kontinuierlich an – auch bei scheinbar geringer Belastung.

Über 33 Grad empfehle ich grundsätzlich, auf Arbeit unter dem Sattel zu verzichten. Schrittreiten in den frühen Morgenstunden oder abends nach Sonnenuntergang bleibt eine Option, aber intensive Arbeit ist bei diesen Temperaturen ein kalkuliertes Risiko, das kein Trainingsfortschritt rechtfertigt. Bedenken Sie: Das Risiko einer Überhitzung liegt bei Pferden drei- bis zehnmal höher als beim Menschen. Was für Sie als Reiter noch erträglich ist, kann für Ihr Pferd bereits gefährlich sein. Die Hautoberfläche eines Pferdes ist im Verhältnis zum Körpervolumen viel kleiner als beim Menschen – das riesige Körperinnere kann seine Hitze nicht schnell genug an die Außenwelt abgeben.

Ein Aspekt, der in dieser Diskussion oft fehlt: die Vorbelastung. Ein Pferd, das den ganzen Tag auf einer schattenlosen Koppel stand und bereits mit einer erhöhten Kerntemperatur in die Reitstunde kommt, hat einen ganz anderen Ausgangspunkt als eines, das aus einem kühlen, belüfteten Stall geholt wird. Wenn Sie an heißen Tagen reiten, stellen Sie sicher, dass Ihr Pferd die Stunden davor im Schatten verbracht hat und Zugang zu Wasser hatte.

Trainingsplan anpassen – Uhrzeit, Dauer und Intensität

Vergangenen Sommer habe ich einen Stall komplett auf Sommerzeit umgestellt – und die Ergebnisse waren beeindruckend. Statt der üblichen Reitstunden zwischen 16 und 20 Uhr verlegten wir alles auf 6 bis 9 Uhr morgens. Die Temperatur lag um 7 Uhr bei 22 statt 32 Grad, die Luftfeuchtigkeit war zwar morgens höher, aber die Gesamtbelastung dramatisch geringer. Kein einziges Pferd zeigte Überhitzungssymptome – im Vorjahr hatten wir zwischen Juni und August vier Fälle.

Die Uhrzeit ist der effektivste Hebel, den Sie haben. Die kühlsten Stunden des Tages liegen zwischen 5 und 9 Uhr morgens. Abends kühlt es zwar auch ab, aber die gespeicherte Wärme im Boden und in Gebäuden hält die gefühlte Temperatur hoch – besonders auf Sandplätzen, die sich tagsüber aufheizen. Morgens ist der Boden dagegen über Nacht abgekühlt, und die Lufttemperatur hat ihr Minimum erst kurz vor Sonnenaufgang erreicht.

Wenn frühes Reiten nicht möglich ist, passen Sie Dauer und Intensität an. Eine Studie zur Hitzeakklimatisierung hat gezeigt, dass selbst drei Wochen Training bei hohen Temperaturen die Wärmetoleranz verbessern können – das Schlagvolumen des Herzens steigt, die Schweißproduktion wird effizienter, die Belastungstoleranz nimmt messbar zu. Aber diese Akklimatisierung funktioniert nur mit kontrollierter, graduell gesteigerter Belastung, nicht mit dem üblichen Programm bei extremen Bedingungen. Konkret bedeutet das: Verkürzen Sie die Reitstunde auf 30 Minuten statt 60, erhöhen Sie den Schrittanteil auf 50 Prozent der Zeit, verzichten Sie auf Galopparbeit und auf enge Wendungen, die die Muskulatur zusätzlich belasten. Planen Sie zwischen zwei Arbeitstagen bei Hitze immer einen Ruhetag ein, damit der Körper regenerieren kann.

Nach jeder Arbeit bei Hitze muss aktiv gekühlt werden – großflächig mit kühlem Wasser, abziehen, wiederholen. Das ist keine Option, das ist Pflicht. Und messen Sie die Rektaltemperatur: Liegt sie 20 Minuten nach der Arbeit noch über 39 Grad, war die Belastung zu hoch. Passen Sie die nächste Einheit entsprechend an. Training im Sommer ist kein Kraftakt gegen die Natur – es ist ein Kompromiss mit ihr. Wer die Grenzen respektiert, verliert keinen Trainingsfortschritt, sondern gewinnt ein gesundes Pferd, das keinen Hitzschlag erleidet.

Gibt es eine Faustregel für die maximale Reittemperatur?

Addieren Sie die Außentemperatur in Grad Celsius und die relative Luftfeuchtigkeit in Prozent. Liegt die Summe unter 120, ist moderates Training möglich. Zwischen 120 und 150 nur leichte Arbeit im Schritt. Über 150 sollte auf Reiten verzichtet werden. Diese Faustregel ersetzt keine WBGT-Messung, gibt aber im Alltag eine brauchbare Orientierung.

Wie passe ich die Trainingsdauer an die Temperatur an?

Bei Temperaturen über 28 Grad verkürzen Sie die Reitstunde auf maximal 30 Minuten, erhöhen den Schrittanteil auf mindestens 50 Prozent und verzichten auf intensive Galopparbeit. Verlegen Sie die Arbeit in die frühen Morgenstunden und kühlen Sie das Pferd nach jeder Einheit aktiv mit kühlem Wasser.

Erstellt von der Redaktion von „Wetter Pferd”.