Pferde im Winter — Kälteschutz, Eindecken und Thermoregulation bei Frost

Pferde im Winter auf verschneiter Koppel mit aufgestelltem Winterfell

Minus 15 Grad und das Pferd steht draußen — ist das ein Problem?

Letzten Januar rief mich eine Kundin an, fast panisch. Ihr Wallach stand bei minus 12 Grad auf dem Paddock, und an seinen Nüstern hingen Eiskristalle. Sie war überzeugt, dass das Pferd leidet. Als ich zwanzig Minuten später dort war, stand der Wallach breitbeinig im Wind, das Fell aufgestellt, und kaute seelenruhig an seinem Heu. Der Dampf aus den Nüstern sah dramatisch aus, war aber nichts weiter als Physik — warme Atemluft trifft auf kalte Außenluft. Das Pferd fror nicht. Die Besitzerin fror.

Diese Geschichte erzähle ich nicht, um Sorgen lächerlich zu machen — sondern weil sie ein Grundproblem der Winterhaltung auf den Punkt bringt. Wir Menschen projizieren unser eigenes Kälteempfinden auf Pferde, und das führt zu Fehlentscheidungen. Barbara Schulte, Autorin und Verhaltensexpertin, bringt es präzise auf den Punkt: Große Kälte können Pferde besser aushalten als große Hitze. Die thermoneutrale Zone — der Temperaturbereich, in dem der Stoffwechsel ohne zusätzlichen Energieaufwand funktioniert — reicht beim Pferd von minus 15 bis plus 25 Grad Celsius. Das untere Ende überrascht die meisten Pferdehalter. Minus 15 Grad sind für ein gesundes, ungeschorenes Pferd mit ausreichend Futter kein Stressfaktor, sondern normaler Betrieb.

Trotzdem ist Winter nicht harmlos. Die Risiken liegen nur woanders, als die meisten denken: nicht bei der reinen Kälte, sondern bei nassem Wind, bei feuchter Kälte, bei unzureichendem Futter und bei gut gemeinten Decken, die mehr schaden als nutzen. In neun Jahren Beratung habe ich mehr Probleme durch übervorsorgliches Eindecken gesehen als durch Frost. Und ich habe gelernt, dass die beste Winterstrategie nicht darin besteht, die Kälte vom Pferd fernzuhalten, sondern dem Pferd zu erlauben, das zu tun, was die Evolution ihm beigebracht hat: sich selbst warmzuhalten.

In Deutschland, wo rund 1,3 Millionen Pferde leben, ist die Winterhaltung ein Massenthema. Und weil die Ratschläge in Foren und sozialen Medien sich oft widersprechen — „Nie eindecken!“ gegen „Immer eindecken ab 5 Grad!“ — will ich in diesem Artikel mit konkreten Daten arbeiten. Was sagt die Physiologie? Wo liegen die echten Grenzen? Und was sind die häufigsten Fehler, die ich in der Praxis sehe?

Wie Pferde sich selbst warmhalten — Fell, Fett und Gefäßsteuerung

Ich vergleiche die Thermoregulation des Pferdes im Winter gerne mit einem dreistufigen Heizsystem, das vollautomatisch arbeitet — solange man es nicht sabotiert.

Die erste Stufe ist das Fell. Ab Herbst beginnt das Pferd, sein Winterfell aufzubauen, gesteuert durch die abnehmende Tageslichtlänge und sinkende Temperaturen. Dieses Winterfell ist kein einfacher Pelz, sondern ein ausgeklügeltes Isolationssystem. Die Haare können sich aufrichten — Piloerektion, fachsprachlich — und schaffen dabei eine Luftschicht zwischen Haut und Umgebung. Diese Luftschicht funktioniert wie eine Thermoskanne: Sie isoliert, weil stehende Luft Wärme schlecht leitet. Ein ungeschorenes Pferd mit intaktem Winterfell kann sich bei trockener Kälte bis weit unter den Gefrierpunkt wohlfühlen, weil die Luftschicht im Fell die Körperwärme hält.

Die zweite Stufe ist die Gefäßsteuerung — Vasokonstriktion. Wenn die Außentemperatur sinkt, verengen sich die Blutgefäße in der Haut und den Extremitäten. Weniger warmes Blut fließt an die Oberfläche, weniger Wärme geht verloren. Das ist der Grund, warum Pferdeohren im Winter kalt sein können, ohne dass das Pferd friert — der Körper hat die Ohren bewusst von der Wärmezufuhr abgekoppelt, um den Kern warmzuhalten. Dieses Prinzip kennen wir von uns selbst: kalte Finger bei Frost. Beim Pferd funktioniert es in größerem Maßstab und effizienter.

Die dritte Stufe — und die teuerste — ist die metabolische Wärmeproduktion. Wenn Fell und Vasokonstriktion nicht mehr ausreichen, beginnt der Körper aktiv Energie zu verbrennen, um Wärme zu erzeugen. Der größte Beitrag kommt dabei nicht aus Muskelzittern, wie viele annehmen, sondern aus der Fermentation von Raufutter im Dickdarm. Die mikrobielle Zersetzung von Heu und Gras produziert als Nebenprodukt erhebliche Mengen an Wärme — der Dickdarm ist im Winter tatsächlich eine Art Bioheizung. Bis zu 75 Prozent der metabolischen Energie eines Pferdes im Winter fließen in die Wärmeproduktion. Das erklärt, warum Fütterung im Winter keine Nebensache ist, sondern die entscheidende Variable.

Alle drei Stufen arbeiten zusammen, aber sie haben eine Reihenfolge. Das Fell ist die Grundlage, Vasokonstriktion der Feintuner, und metabolische Wärme die Reserve. Probleme entstehen, wenn eine dieser Stufen ausfällt: Ein geschorenes Pferd verliert die erste Stufe und muss die fehlende Isolation durch Energie kompensieren — oder durch eine Decke. Ein Pferd mit schlechter Körperkondition hat weniger subkutanes Fett als Isolator und weniger Reserven für die Wärmeproduktion. Und ein Pferd, das zu wenig Raufutter bekommt, verliert seine Bioheizung. Jede dieser Situationen erfordert menschliches Eingreifen, aber — und das ist der zentrale Punkt — ein gesundes, ungeschorenes, gut gefüttertes Pferd braucht bei trockener Kälte keine Hilfe.

Was dieses System empfindlich stört, ist Nässe. Wasser hat eine 25-mal höhere Wärmeleitfähigkeit als Luft. Sobald das Fell durchnässt ist, kollabiert die isolierende Luftschicht, und die Wärme wird direkt vom Körper an die Umgebung abgeleitet. Das ist der Grund, warum ein Pferd bei minus 10 Grad und Sonne seelenruhig grasen kann, aber bei plus 3 Grad, Dauerregen und Wind anfängt zu zittern. Nicht die Temperatur allein entscheidet über Kältestress, sondern die Kombination aus Temperatur, Feuchtigkeit und Wind. Ein Konzept, das ich in der Beratung „das Dreieck des Wärmeverlusts“ nenne — und das die meisten Pferdehalter unterschätzen.

Noch ein Detail, das zeigt, wie ausgefeilt das System ist: Die Haut unter dem Winterfell eines Pferdes kann deutlich kälter sein als die Kerntemperatur, ohne dass das Tier Schaden nimmt. Das ist Absicht, keine Störung. Der Körper opfert Oberflächenwärme, um den Kern zu schützen. Wer einem Pferd unter das Winterfell greift und die Haut kühl findet, sollte deshalb nicht sofort zur Decke greifen — das kann völlig normal sein, solange das Pferd entspannt ist und frisst.

Eindecken oder nicht — eine evidenzbasierte Entscheidungshilfe

Die Deckenfrage ist das emotional aufgeladenste Thema, das mir in der Winterberatung begegnet. Es gibt Lager, die sich unversöhnlich gegenüberstehen: die Decken-immer-Fraktion und die Natur-pur-Verfechter. Beide liegen teilweise richtig und teilweise falsch. Die Wahrheit ist, wie so oft, differenzierter.

Zuerst die unbequeme Seite: Eine Decke kann schaden. Nicole Maier, Pferdeosteopathin und Dozentin an der Akademie für Tierheilkunde, formuliert es unmissverständlich — bei eingedeckten Pferden ist der Stoffwechsel generell anfälliger, sie können quasi gar nicht mehr natürlich auf das Wetter reagieren. Das ist keine Einzelmeinung, sondern physiologische Logik. Eine Decke drückt das Fell flach und zerstört die Luftschicht, die für die Isolation zuständig ist. Das Pferd verliert Stufe eins seines Heizsystems und wird von der Decke abhängig. Nimmt man die Decke ab, steht das Pferd mit plattgedrücktem Fell in der Kälte und hat plötzlich weniger Schutz als ohne Decke. Das ist der Teufelskreis des Eindeckens: Einmal angefangen, kommt man schwer wieder raus.

Jetzt die andere Seite: Es gibt Pferde, die eine Decke brauchen. Geschorene Pferde haben keine funktionale Isolationsschicht mehr und sind auf eine Decke angewiesen, so wie Sie auf Ihre Winterjacke. Das ist keine Schwäche, sondern die logische Konsequenz der Schur. Alte Pferde mit schlechter Körperkondition, Pferde mit Cushing-Syndrom, die ihr Fell nicht richtig wechseln, und kranke Pferde, die zusätzliche Energie für die Genesung brauchen statt für die Wärmeproduktion — für sie alle ist eine Decke medizinisch sinnvoll.

Die Entscheidung sollte auf vier Kriterien basieren, nicht auf Gefühl. Erstens: Ist das Pferd geschoren? Wenn ja, braucht es eine Decke bei Temperaturen unter etwa 5 bis 10 Grad, je nach Schur-Umfang. Zweitens: Wie ist die Körperkondition? Ein Pferd mit sichtbaren Rippen oder einem Body Condition Score unter 4 hat weniger natürliche Isolation und profitiert von einer Decke. Drittens: Wie ist die Haltung? Ein Pferd im Offenstall, das Wind und Nässe ausgesetzt ist, hat einen höheren Wärmeverlust als eines in einer geschützten Box. Und viertens: Wie ist das Wetter — nicht nur die Temperatur? Trockene minus 10 Grad sind für ein ungeschorenes Pferd kein Problem. Feuchte 2 Grad mit Wind können schlimmer sein, weil Nässe die Isolation des Fells zerstört.

In der Praxis empfehle ich folgendes Vorgehen: Beobachten Sie Ihr Pferd. Aufgestelltes Fell, entspannte Haltung, normales Fressverhalten — das Pferd kommt zurecht. Zusammengezogene Muskulatur, eingeklemmter Schweif, Zittern über längere Zeit — das Pferd braucht Hilfe. Und wenn Sie eindecken, dann richtig: Die Decke muss passen, sie darf nicht scheuern, und sie muss zur Temperatur passen. Eine zu warme Decke bei milden Wintertemperaturen bringt das Pferd zum Schwitzen, und ein schweißnasses Pferd unter einer Decke kühlt schneller aus als eines ohne Decke. Ich habe Pferde gesehen, die im Januar unter einer 300-Gramm-Decke schweißnass waren, weil die Besitzer die Decke morgens bei minus 5 auflegten und nicht bedachten, dass es mittags plus 8 wurde.

Mein Rat: Im Zweifel lieber zu dünn als zu dick. Und wenn Sie ein ungeschorenes, gesundes Pferd in guter Kondition haben — lassen Sie es in Ruhe. Es weiß besser als Sie, ob ihm kalt ist.

Einen konkreten Fehler sehe ich besonders häufig: das Decken-Karussell. Morgens liegt die Temperatur bei minus 3, also kommt die Winterdecke drauf. Mittags klettert das Thermometer auf plus 8, das Pferd schwitzt unter der Decke, also wird gewechselt auf eine leichtere. Abends fällt die Temperatur wieder, also wieder die dicke Decke. Dieses ständige Wechseln stresst nicht nur das Pferd — es untergräbt auch die natürliche Thermoregulation, weil der Körper nie die Chance bekommt, sich einzupendeln. Besser ist ein System mit klaren, einfachen Regeln: eine Decke für einen definierten Temperaturbereich, kein Wechsel innerhalb des Tages, Anpassung nur bei dauerhafter Wetterveränderung über mehrere Tage. Weniger Aktionismus, mehr Beobachtung — das ist in der Deckenfrage fast immer der bessere Weg.

Kalte Luft und Pferdelungen — ein unterschätztes Risiko

Über Decken wird endlos diskutiert, aber über die Auswirkungen kalter Luft auf die Atemwege spricht kaum jemand. Dabei ist das ein Bereich, in dem die Forschung klare und überraschende Ergebnisse liefert.

Dr. David Marlin, Physiologe und Biochemiker, hat den Zusammenhang zwischen Kälte und Atemwegsentzündung bei Pferden untersucht und kommt zu einem Befund, der viele Pferdehalter überrascht: Training in kalter Luft hat auf Pferde denselben Effekt wie auf Menschen — aber viele Besitzer sehen gar nicht ein, dass die Lungen von Pferden von der Kälte beeinflusst werden. Konkret bedeutet das: Kalte, trockene Luft reizt die Atemwege, trocknet die Schleimhäute aus und kann Entzündungsreaktionen auslösen. Marlins Daten zeigen, dass bereits bei Temperaturen um 4 bis 5 Grad Celsius eine erhöhte Zahl an Entzündungszellen in den Atemwegen nachweisbar ist.

Das hat praktische Konsequenzen. Ein Pferd, das bei minus 10 Grad intensiv galoppiert, atmet große Mengen eiskalter Luft ein. Die Lunge muss diese Luft auf Körpertemperatur erwärmen und befeuchten, bevor sie die Alveolen erreicht — das ist ein enormer Aufwand, und bei hoher Atemfrequenz schafft der Körper es nicht vollständig. Die Folge: kalte, trockene Luft erreicht die tieferen Atemwege und löst dort eine Reizreaktion aus. Für Pferde mit vorbestehendem Asthma oder chronischer Atemwegserkrankung kann das einen akuten Schub auslösen.

Was bedeutet das für die Praxis? Nicht, dass man im Winter nicht reiten sollte — aber die Intensität muss angepasst werden. Bei Temperaturen unter minus 5 Grad empfehle ich, auf Galopparbeit und intensive Intervalle zu verzichten und den Fokus auf Schritt- und lockere Trabarbeit zu legen. Die Aufwärmphase sollte verlängert werden — mindestens 15 bis 20 Minuten Schritt, bevor trabgearbeitet wird. Und wenn Sie eine Reithalle haben, nutzen Sie sie: Die Lufttemperatur in einer geschlossenen Halle liegt selbst bei Frost deutlich über der Außentemperatur, und die Luft ist weniger trocken.

Ein Detail, das ich in der Beratung oft anspreche: Pferde, die im Winter viel in staubigen Hallen arbeiten, haben ein doppeltes Problem — Kälte draußen und Staub drinnen. Beide belasten die Atemwege, und die Kombination ist ungünstiger als jeder Faktor für sich. Gute Hallenbewässerung und regelmäßiges Lüften sind im Winter genauso wichtig wie im Sommer.

Was mich an diesem Thema beschäftigt: Die Atemwegsproblematik bei Kälte ist in der Humanmedizin und im Schlittenhundesport gut erforscht, aber in der Pferdewelt kaum angekommen. Wenn ich auf Stallseminaren davon erzähle, schauen mich die Reiter ungläubig an. Die meisten wissen, dass Staub und Ammoniak den Lungen schaden — aber dass kalte Luft allein, ohne Staub, eine messbare Entzündungsreaktion auslöst, ist für viele neu. Dabei verändert dieses Wissen die Winterplanung grundlegend: Es geht nicht darum, bei Frost nicht mehr zu reiten, sondern die Intensität an die Lufttemperatur anzupassen. Schritt und lockerer Trab bei minus 8 — kein Problem. Springserie bei minus 8 — ein vermeidbares Risiko.

Energiebedarf im Winter — warum Heu wichtiger wird als Kraftfutter

Wenn 75 Prozent der metabolischen Energie im Winter in die Wärmeproduktion fließen, wird eines klar: Fütterung ist keine Nebensache, sondern die Stellschraube, an der das gesamte Wintermanagement hängt. Und hier machen viele Pferdehalter einen Fehler, der sich aus Sommergewohnheiten speist.

Der Instinkt vieler Reiter bei Kälte: mehr Kraftfutter — eine Extra-Portion Hafer oder Müsli, damit das Pferd „Energie hat“. Das klingt logisch, geht aber am Mechanismus der Wärmeproduktion vorbei. Die Hauptquelle der inneren Wärme ist die mikrobielle Fermentation im Dickdarm, und diese Fermentation braucht Raufutter — Heu, Heulage, Stroh. Kraftfutter wird überwiegend im Dünndarm verdaut und produziert deutlich weniger Fermentationswärme. Ein Pferd, das abends eine Extra-Portion Hafer bekommt statt einer Extra-Portion Heu, hat mehr schnell verfügbare Energie, aber weniger innere Heizleistung.

Die praktische Konsequenz: Im Winter steigt der Heubedarf. Als Faustregel rechne ich mit mindestens 1,5 bis 2 Prozent des Körpergewichts an Raufutter pro Tag — bei einem 600-Kilogramm-Pferd also 9 bis 12 Kilogramm Heu. Bei Dauerfrost und Offenstallhaltung kann der Bedarf noch höher liegen. Die letzte Heuration des Tages sollte die größte sein, damit das Pferd über Nacht — die kälteste Phase — genug Material zum Fermentieren hat.

Ein weiterer Punkt, der im Winter oft vergessen wird: der Wasserbedarf. Viele Pferdehalter glauben, dass Pferde im Winter weniger trinken, weil sie nicht schwitzen. Tatsächlich sinkt die Trinkmenge bei Kälte, aber nicht weil der Bedarf sinkt — sondern weil eiskaltes Wasser weniger attraktiv ist. Pferde bevorzugen Wassertemperaturen zwischen 8 und 12 Grad. Wenn die Tränke zugefroren ist oder das Wasser nahe dem Gefrierpunkt liegt, trinken viele Pferde zu wenig, und das erhöht das Risiko für Verstopfungskoliken. Beheizte Tränken oder regelmäßiges Auffüllen mit handwarmem Wasser sind im Winter eine ebenso wichtige Maßnahme wie die richtige Fütterung.

Offenstallhaltung bei Frost — worauf es ankommt

Offenstallhaltung und Winter — das funktioniert, und zwar besser, als viele Boxenbesitzer glauben. Aber es funktioniert nur mit Infrastruktur. Ein Offenstall ohne funktionalen Unterstand ist im Winter kein artgerechtes Konzept, sondern Vernachlässigung.

Der entscheidende Faktor ist Windschutz. Trockene Kälte ohne Wind ist für Pferde unproblematisch, aber Wind zerstört die isolierende Luftschicht im Fell und erhöht den Wärmeverlust exponentiell. Der Windchill-Effekt kann minus 5 Grad wie minus 20 fühlen lassen — und das gilt für Pferde genauso wie für Menschen. Ein Unterstand muss deshalb zur Hauptwindrichtung geschlossen sein und groß genug, dass alle Pferde der Gruppe gleichzeitig hineinpassen. In einer Dreiergruppe reicht ein Unterstand für zwei Pferde nicht, weil das rangniedrigste Tier verdrängt wird und schutzlos im Wind steht.

Der Boden im Unterstandbereich ist das zweite kritische Element. Matsch und stehende Nässe unter den Hufen entziehen Wärme und fördern Hufprobleme. Ein befestigter Boden — Schotter, Paddockmatten oder eine Drainage-Schicht — hält den Liegebereich trocken. Und ja, Pferde legen sich auch im Winter hin, wenn der Boden trocken und weich genug ist. Eine Schicht Stroh oder Hackschnitzel im Unterstand ermutigt zum Liegen und isoliert zusätzlich nach unten.

Eine italienische Studie der Universität Mailand hat gezeigt, dass Pferde in offener Haltung saisonale Schwankungen im Cortisolspiegel aufweisen — ein Marker für chronischen Stress. Interessanterweise waren die Werte im Sommer und Herbst am höchsten, nicht im Winter. Das legt nahe, dass gut gemanagter Offenstall im Winter weniger stressig ist als in der heißen Jahreszeit, wenn Insekten und Hitze zum Problem werden. Frühling war die stressärmste Phase für alle Haltungsgruppen.

Mein Fazit nach Jahren der Beratung von Offenstallbetreibern: Die Investition in einen soliden Unterstand und trockenen Boden zahlt sich dreifach aus — weniger Tierarztkosten, weniger Deckenbedarf, und Pferde, die den Winter mit aufgestelltem Fell und entspannter Miene verbringen, statt in einer dunklen Box zu stehen und auf den Frühling zu warten. Eine umfassende Einordnung, wie Kälte in den Gesamtkontext saisonaler Wetterrisiken passt, finden Sie im Überblicksartikel zu Wetter und Pferd.

Häufig gestellte Fragen

Frieren geschorene Pferde im Winter schneller?

Ja, erheblich. Die Schur entfernt die Isolationsschicht des Winterfells und damit den wichtigsten Schutzmechanismus gegen Kälte. Ein geschorenes Pferd braucht bei Temperaturen unter 5 bis 10 Grad eine passende Decke, deren Stärke sich nach der Außentemperatur und der Haltungsform richtet. Bei Vollschur und Offenstallhaltung sind Decken mit 200 bis 300 Gramm Füllung ab dem Gefrierpunkt angemessen. Bei Teilschur reicht oft eine leichtere Decke.

Ab welcher Temperatur sollte man ein Pferd eindecken?

Es gibt keine universelle Temperaturgrenze. Die Entscheidung hängt von vier Faktoren ab: Schur-Status, Körperkondition, Haltungsform und Wettertyp. Ein ungeschorenes, gesundes Pferd in guter Kondition braucht bei trockener Kälte bis minus 15 Grad keine Decke. Ein geschorenes Pferd oder eines mit schlechter Kondition profitiert bereits ab 5 bis 10 Grad von einer leichten Decke. Feuchte Kälte mit Wind ist problematischer als trockener Frost — hier greifen niedrigere Schwellenwerte.

Steigt der Wasserbedarf von Pferden auch im Winter?

Der absolute Wasserbedarf sinkt im Winter leicht, weil weniger Schweiß produziert wird. Aber das Problem liegt woanders: Pferde trinken bei kaltem Wasser deutlich weniger, als sie müssten. Eiskaltes Wasser aus zugefrorenen Tränken ist unattraktiv, und die verminderte Aufnahme erhöht das Risiko für Verstopfungskoliken erheblich. Beheizte Tränken oder regelmäßiges Nachfüllen mit handwarmem Wasser halten die Trinkmenge auf einem sicheren Niveau.

Kann kalte Luft die Atemwege eines Pferdes dauerhaft schädigen?

Einzelne Expositionen bei moderater Kälte verursachen in der Regel keine bleibenden Schäden. Aber wiederholtes intensives Training bei Temperaturen unter minus 5 Grad kann chronische Entzündungsreaktionen in den Atemwegen fördern, besonders bei Pferden mit Vorbelastung wie equinem Asthma. Forschungsdaten zeigen bereits ab 4 bis 5 Grad eine erhöhte Zahl an Entzündungszellen in den Atemwegen. Die Empfehlung: Bei starkem Frost auf intensive Galopparbeit verzichten und die Aufwärmphase verlängern.

Verfasst vom Team von „Wetter Pferd”.